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Rückkehr des Grauens: Ein beklemmender Blick in die Abgründe der Holocaust-Leugnung.H

Der Hass auf Juden ist zurück im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Originaleinträge aus dem Gästebuch der Gedenkstätte und aus Briefen, adressiert an den Direktor Jens Christian Wagner, belegen dies.

»Tatsächlich erleben wir seit einigen Jahren eine starke Zunahme von Angriffen auf die Gedenkstättenarbeit. Das sind Hakenkreuzschmierereien auf Infotafeln, auch auf Gedenktafeln haben wir das schon erlebt. Es werden Gedenkbäume für Opfer des KZ Buchenwald abgesägt. Wir bekommen Hassmails, wir werden am Telefon beschimpft.«

In Hitlers Nazidiktatur war das thüringische Arbeitslager ein Ort des Grauens. Fast 280.000 Gefangene aus 50 Ländern hat die SS hier eingepfercht. 56.000 Menschen ließen ihr Leben, Hunderte verbrannten im eigens dafür angelegten Krematorium der Anlage. Über 80 Jahre später wird der Ort erneut geschändet: Neonazi-Schmierereien, widerliche Selfies, die vor den Öfen gepostet werden. Im Internet zeigen sich Entgleisungen am rechtsextremen Rand der Gesellschaft; es geht darum, die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu relativieren.

Ein Beispiel: Wir sehen den nicht unbekannten Neonazi Sven Liebig, der in die Gedenkstätte kam und Posts mit geschichtsrevisionistischem Inhalt gemacht hat:

»Vergesst nicht, heute wieder 22 Grad in euren Baracken zu sein. Zum Glück wird der europäische Schießbefehl zur Zeit noch nicht umgesetzt.«

Sven Liebig ist ein Rechtsradikaler mit langem Vorstrafenregister: Volksverhetzung, Körperverletzung und Beleidigung. Ein Ewiggestriger im Dauerkriegszustand. Auch vor drei Wochen in Halle:

»Wir haben erwartete Gäste von Spiegel TV hier, und nicht diese Vertreter hier, aber andere. Wir haben schlechte Erfahrungen mit Lügenpressevertretern gemacht. Das ist ein Geschmeiß, und sie haben natürlich Angst vor einer Wende. Einer Wende, die natürlich kommen muss und auch kommen wird.«

Fast wöchentlich hetzt er auf Demos oder mit Postings im Netz. Seine Feinde: die Presse, die Politik, die Geflüchteten oder eben die Opfer im KZ.

»Hallo Herr Liebig.«

»Ja, hallo.«

»Wir sind von Spiegel TV. Was wollten Sie denn damals mit ihrem Post vor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ausdrücken? Wir versuchen es noch deutlicher: Finden Sie es nicht ein bisschen geschmacklos, als Neonazi an einem Ort zu posieren, wo so viele Juden ermordet wurden?«

Geschichte ohne Zeitzeugen - Neue Wege der Erinnerungskultur

Liebigs rechte Gesinnung zeigt sich schon Ende der 90er. Damals marschiert er beim Nationalen Widerstand, einem bundesweiten Netzwerk von rechtsextremen Gruppierungen, die das Demokratische ablehnen. Zu diesem Zeitpunkt ist er auch Teil von Blood & Honour; die weltweit operierende Neonaziorganisation ist in Deutschland verboten, weil sie den Rassenkrieg propagiert und eine gewaltsame Machtergreifung anstrebt. Letzten Sommer wird Liebig zu fast zwei Jahren Haft verurteilt, wieder wegen Volksverhetzung. Er legt Berufung ein.

»Ich hasse diese Regierung, ich hasse diese Politik und dieses System, und ich sehe es als mein gutes Recht und meine verdammte Pflicht, diesem System Widerstand zu zeigen, und zwar gerne mit Schlägen und Tritten.«

Hier greift er im weißen Maleranzug einen Fotografen an. Später wird er dafür wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Andrea Röpke hat das Video bei einer Corona-Demo aufgenommen. Die Journalistin recherchiert seit Jahren in der rechten Szene und kennt den Extremisten Liebig gut.

»Mittlerweile ist er tatsächlich eben fast gar nicht mehr von diesen ganzen rechten Massenaufmärschen wegzudenken. Er spuckt da rum, er schürt die Stimmung, er schreit da rum und hält Reden und versucht wirklich auch über die sozialen Medien immer mehr Anhänger zu gewinnen und sein Mobilisierungsspektrum zu erweitern.«

Dazu gehört auch der Telegram-Post vor den Toren der Gedenkstätte Buchenwald, eine Hassbotschaft, die in kurzer Zeit über 1.000 Menschen erreicht.

»Das KZ Buchenwald ist gewissermaßen der Dorn im Stolz auf die deutsche Geschichte, und deswegen muss man die NS-Verbrechen kleinreden, man muss den Mord an den europäischen Juden kleinreden, um fordern zu können, dass wir stolz auf unsere Ahnen sind und dass wir eine großartige deutsche Geschichte haben.«

Ortswechsel: Das ehemalige KZ Sachsenhausen in Oranienburg. Auch hier finden Mitarbeiter wie Arne Spann regelmäßig dunkelbraune Abscheulichkeiten.

»Hier ist z. B. ein Bild, eine Tafel, die markiert die Strecke des Todesmarsches, also die Strecke, auf der die Häftlinge des KZ Sachsenhausen am Kriegsende entlang getrieben wurden und auf der auch sehr viele starben und ermordet wurden. Und diese Tafel wurde mit einem Hakenkreuz beschmiert.«

In Sachsenhausen können Besucher ihre Gedanken nicht nur ins Gästebuch, sondern auch auf Karten schreiben. Schön ist das nicht, eher obszön. Da steht drauf:

»Wann wird Sachsenhausen wieder eröffnet? Es wäre nötig.«

Oder:

»Hitler soll wiederkommen, alle Juden raus, Sieg Heil, hoch lebe der Führer.«

Auch der Verfassungsschutz Thüringen beobachtet, dass die rechte Hetze an Orten auftaucht, die selbst unter Faschisten lange als Tabuzonen galten.

»Wir haben einen extremen Zuwachs in den letzten Jahren verzeichnet, aber das ist das klassische, was wir aus dem gesamten Bereich der Neuen Rechten und der Rechtsextremen kennen: Zuerst mal provozieren, den Diskurs verschieben, nachher so tun, als wenn man es nicht so gemeint hat. Aber im Grunde genommen ist die Nachricht längst angekommen, und zwar nicht nur bei den eigenen Unterstützern, sondern auch in breiteren Teilen der Bevölkerung.«

Detmold in der nordrhein-westfälischen Stadt ist eine geschmacklose Posse um eine alte, freistehende Hofsynagoge entbrannt. Der Eigentümer will das denkmalgeschützte Haus abreißen, die Sanierung sei ihm zu teuer. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Detmold, Matitjahu Kellig, vermutet jedoch ganz andere Beweggründe.

»Diese Synagoge gehört einem Rechtsanwalt namens Hendrik Schnelle, der ein bekannter Szeneanwalt ist, der rechten Szene, der schon verurteilt wurde wegen Volksverhetzung. Ich zitiere: ›Alle Schwulen müssten vergast werden wie die Juden damals‹, und das ist Hendrik Schnelle.«

Bekannt geworden ist der Anwalt vor allem wegen seiner extremen Klienten. Er vertrat einen der einflussreichsten Neonazis Deutschlands, den Brieffreund von Beate Zschäpe, Robin Schmiemann. Auch sonst umgibt sich der Jurist mit fragwürdigem Personal. Das Unkraut vor dem jüdischen Gebetshaus jätet der völkische Faschist Gerd Ulrich. Der wegen Sprengstoffbesitz vorbestrafte Herr war mal Gruppenleiter der Heimattreuen Deutschen Jugend. Die rechtsextremistische Organisation, die Kinder in Zeltlagern militärisch und ideologisch drillte, ist seit 2009 verboten. Und es wird noch geschmackloser: Im November veranstaltet Anwalt Schnelle in der Hofsynagoge eine Kostümparty unter dem Motto Halloween. Ein Anwohner filmt das Geschehen zufällig.

»Was ist hier denn los?«

Der Mann im Gruselkostüm ist niemand Geringeres als der Anwalt persönlich, Hendrik Schnelle.

»Ich dachte, das wär ein Denkmal hier… Mittlerweile verstehe ich nicht… ist ein Denkmal der Stadt.«

»Hunderte, ja gut, aber in so einer Synagoge, die ein Denkmal ist, dass man da eine Halloweenparty feiert… ja unglaublich, ne? Was alles geht in diesem Land.«

Jüngste Entgleisung: Nach dem Hamas-Angriff auf Israel lässt Schnelle eine übergroße Palästina-Flagge als eine Art Kunstinstallation in den Fenstern anbringen.

»Und dieser Rechtsanwalt will dieses Gebäude abreißen, diese uralte Synagoge, und Parkplätze da drauf machen? Ja, das ist natürlich eine reine Provokation. Ich glaube, es geht ihm nicht nur um die Parkplätze, vielleicht auch, aber das ist nicht so entscheidend, sondern es geht aus der rechten Szene wirklich darum, ein Zeichen zu setzen: Jüdisches Leben hat hier nichts zu suchen.«

Derzeit beschäftigen die Abrisswünsche des Anwalts das Oberverwaltungsgericht in Münster. Dass das Haus noch steht, liegt vor allem am Denkmalschutz.

»Die Stadt hatte die beantragte Abbruchgenehmigung abgelehnt. Darauf ist dann Klage erhoben worden vor dem Verwaltungsgericht Minden. Im Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht hatte die Stadt ihr Interesse bekundet, das Gebäude zu erwerben. Das ist offenbar nicht zustande gekommen, und jetzt verfolgt der Kläger im Berufungsverfahren sein Anliegen fort, die Abbruchgenehmigung zu bekommen.«

Und der rechte Rechtsanwalt, was sagt der dazu?

»Wir sind ein Team von Spiegel TV. Warum ist es Ihnen denn so wichtig, die Hofsynagoge abzureißen?«

»Schreiben Sie mir, ich mache hier keine Statements.«

»Aber sagen Sie doch einmal, warum wollen Sie denn unbedingt die Synagoge abreißen?«

»Schreiben Sie mir.«

»Es geht hier darum… geben Sie mir doch einfach Geld, dann wird sie… nun wird’s saniert, ist überhaupt kein Problem.«

»Aber die Stadt hat Ihnen noch ein Angebot gemacht, die Synagoge zu kaufen?«

»Schreiben Sie mir, ich antworte Ihnen schriftlich. Ich bitte das so nicht zu veröffentlichen, und bitte betreten Sie mein Grundstück nicht. Danke.«

Auf erneute Nachfrage erklärt Schnelle, dass es sich bei seiner rechtmäßig erworbenen Immobilie um keine Hofsynagoge, sondern nur um ein altes Gartenhaus handele. Außerdem sei er Zitat »politisch so neutral wie die Schweiz«.

Das ehemalige KZ Dachau. Hier kommt es 2019 zum Eklat, als der Rechtsextremist Nikolai Nerling einen Film über den vermeintlichen Schuldkult dreht.

»Ich stehe hier vor dem Lager Neu-Dachau. Ich fühle mich nicht schuldig. Geht zu Gedenksteinen, geht zu Lagern, geht zu Tafeln und sagt auch ihr, dass ihr euch nicht schuldig fühlt.«

Im Anschluss verharmlost der suspendierte Grundschullehrer auf dem Gelände der Gedenkstätte den Holocaust. Er wird dafür später wegen Volksverhetzung verurteilt. Die Grenze der Meinungsfreiheit ist im Strafgesetzbuch klar definiert.

»Also es ist ganz wichtig, dass die Holocaustleugnung nicht unter die Meinungsfreiheit fällt, weil hier tatsächlich Fakten verdreht werden, falsch dargestellt werden, also im Grunde die Unwahrheit behauptet wird. Hier geht’s nicht darum, bestimmte Nuancen deutlich zu machen oder bestimmte Ansichten kundzutun, eben die eigene Meinung zu äußern, sondern hier geht’s darum, tatsächliche historische Fakten falsch darzustellen.«

Und darin ist vor allem Nikolai Nerling absoluter Profi.

»Oder sind Sie Holocaustleugner?«

»Sie wissen, dass Sie mich jetzt mit dieser Frage theoretisch in eine sehr unangenehme Situation bringen würden. Jetzt müsste ich abwägen: Möchte ich jetzt auf Ihre Frage ehrlich antworten, wenn das der Fall wäre, oder möchte ich lügen, oder möchte ich die Frage irgendwie umschiffen? Ich… ich kann das anders beantworten. Ein großer Teil meines Bekanntenkreises sagt mir, dass er daran nicht glaubt.«

Kein Wunder, so gehört zu seinem Bekanntenkreis z. B. Alfred Schäfer, der wiederholt den Holocaust in Frage stellte, so wie hier:

»Also ich würde mich schämen müssen, wenn jemand mir vorwerfen würde, an so einen Holocaust noch zu glauben.«

Alfred Schäfer wird 2019 gemeinsam mit seiner Schwester Monika am Landgericht München wegen Holocaustleugnung verurteilt. Denn auch Monikas Geschichtswissen ist mehr als nur lückenhaft.

»Da waren keine Gaskammern. Das einzige Gas, das benutzt worden ist, war, um die Läuse zu vernichten.«

Nikolai Nerling ist bei der Verurteilung damals im Gerichtssaal. Die Schäfers für ihn: Helden.

»Das sind Kämpfer für die Meinungsfreiheit, so kann man sagen. Also sie nehmen ja persönliche Repressalien in Kauf. Ist ja nicht so, dass sie das, was sie tun, tun müssten.«

Er ist ein notorischer Unruhestifter. Als »Der Volkslehrer« betreibt er über Jahre einen YouTube-Kanal, agiert wie der Hofberichterstatter der rechten Szene. Seine Themen: Hass, Hetze und die Ablehnung der deutschen Schuld am Holocaust.

»Und erst dann wird das deutsche Volk frei sein, vorher nicht.«

»Die rechtsextreme Szene bezeichnet die unsere Erinnerungskultur an die Verbrechen des Nationalsozialismus und vor allen Dingen auch an die Opfer des Nationalsozialismus als Schuldkult. Und sie wollen den sogenannten Schuldkult abbrechen, sie wollen ihn abschaffen, sie wollen unsere Gedenkkultur völlig radikal verändern.«

Doch die Verdrehung der NS-Geschichte ist längst in der breiten Masse angekommen, auch dank der AfD und den Aussagen ihres Spitzenpersonals. Hier zwei bittere Kostproben:

»Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.«

»Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.«

Die Gräueltaten der Nazis zu relativieren, hat bei der AfD System. Zur letzten Bundestagswahl bringt die Fraktion Weimar am KZ Buchenwald illegal ein Plakat an. »Mut zur Wahrheit« ist der Titel.

»In einer Gedenkstätte angebracht – das kann man ja gar nicht anders interpretieren, als dass uns unterstellt wird, dass wir hier die Unwahrheit erzählen. Und die AfD hat den Mut, die Wahrheit über Buchenwald zu erzählen.«

Nachfrage bei denen, die es aufgehängt haben, der AfD Weimar, am Rande einer Stadtratssitzung.

»Herr Stöpel?«

Karlheinz Stöpel ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender; der muss wissen, wie es gemeint war.

»Ja, wir sind ein Team von SPIEGEL TV. Ich wollte fragen, was meinten Sie denn mit dem Plakat ›Mut zur Wahrheit‹?«

»Kein Kommentar, bitte.«

»Glauben Sie nicht, dass im Buchenwald 56.000 Menschen ermordet wurden?«

»Alles okay.«

»Was ist denn die Wahrheit? Was meinten Sie? Hat der Holocaust in deutschen KZs nicht stattgefunden?«

Übrigens: Im September wird in Thüringen gewählt. Die AfD könnte stärkste Kraft im Freistaat werden.

Letzte Meldung zum Thema: Am Sonntag vor einer Woche zündeten Unbekannte in Dresden eine leerstehende Halle an. 12 Stunden zuvor hatte eine Wahlinitiative auf der Nachrichtenplattform X dazu aufgerufen, das Gebäude als Gedenkort zu erhalten. Die Halle gehörte früher zum KZ Flossenbürg, wurde von den Nationalsozialisten als Zwangsarbeiterlager genutzt. Noch ist unklar, ob ein Zusammenhang zur Brandstiftung besteht. Der Staatsschutz ermittelt.

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