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Die Exhumierung von Josef Mengele in Brasilien.H
1985, Friedhof von Embu das Artes bei São Paulo in Brasilien: Ein internationales forensisches Team versammelt sich an einem unscheinbaren Grab mit dem Namen „Wolfgang Gerhard“. Was äußerlich wie eine gewöhnliche Exhumierung wirkt, ist in Wahrheit ein historischer Moment. Der Verdacht lautet: In diesem Grab könnten die sterblichen Überreste eines der meistgesuchten NS-Verbrecher liegen – Josef Mengele.
Mengele war von 1943 bis 1945 als SS-Arzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz tätig. Dort beteiligte er sich an sogenannten „Selektionen“ an der Rampe, bei denen über Leben und Tod der deportierten Menschen entschieden wurde. Zudem führte er medizinische Experimente durch, insbesondere an Zwillingen. Diese Versuche waren grausam, wissenschaftlich wertlos und forderten zahllose Opfer. Nach dem Krieg wurde Mengele zu einer Symbolfigur für die medizinischen Verbrechen des NS-Regimes.
Doch im Gegensatz zu anderen führenden Nationalsozialisten stand er nie vor Gericht.
Nach 1945 gelang ihm zunächst das Untertauchen in Deutschland. Über sogenannte „Rattenlinien“ floh er schließlich nach Südamerika. Zuerst lebte er in Argentinien, später in Paraguay und schließlich in Brasilien – stets unter falschen Identitäten, unterstützt von einem Netzwerk aus Helfern und Sympathisanten. Jahrzehntelang blieb sein Aufenthaltsort unklar. Immer wieder tauchten Gerüchte auf, er sei gesehen worden. Internationale Fahndungsbehörden suchten nach ihm, ebenso wie private Initiativen und Überlebende.
1979 starb ein Mann namens „Wolfgang Gerhard“ in Brasilien angeblich bei einem Badeunfall an der Küste des Bundesstaates São Paulo. Die Beisetzung erfolgte unter diesem Namen. Erst Jahre später erhärtete sich der Verdacht, dass es sich in Wirklichkeit um Josef Mengele gehandelt haben könnte.
1985 führten neue Ermittlungen deutscher und brasilianischer Behörden zu dem Entschluss, das Grab in Embu das Artes zu öffnen. Die Exhumierung wurde von forensischen Experten begleitet. Ziel war es, anhand anthropologischer und zahnmedizinischer Untersuchungen die Identität der sterblichen Überreste zu klären.
Die Untersuchung der Knochen, Schädelmerkmale und Zahnunterlagen ergab eine hohe Übereinstimmung mit bekannten Daten über Mengele. Narben, alte Verletzungen und Zahnstatus passten zu früheren Dokumentationen. Zwar gab es damals noch keine moderne DNA-Analyse im heutigen Umfang, doch die Gesamtheit der Beweise führte die Experten zu dem Schluss, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Josef Mengele in diesem Grab lag.
Spätere DNA-Tests in den 1990er-Jahren bestätigten diese Einschätzung zusätzlich.
Mit der Identifizierung der Überreste endete eine der längsten Fahndungen nach einem NS-Täter. Für viele Überlebende und Angehörige der Opfer war das Ergebnis jedoch ambivalent. Einerseits brachte es Gewissheit: Mengele hatte sich nicht mehr irgendwo versteckt, sondern war bereits Jahre zuvor gestorben. Andererseits bedeutete es auch, dass er nie juristisch zur Verantwortung gezogen worden war.
Die Exhumierung von 1985 war daher mehr als nur eine forensische Maßnahme. Sie war ein Akt historischer Aufarbeitung. Sie zeigte, wie wichtig internationale Zusammenarbeit bei der Verfolgung von NS-Verbrechen ist – auch Jahrzehnte nach Kriegsende. Zudem verdeutlichte sie, wie lange sich Täter durch Flucht, falsche Identitäten und Unterstützernetzwerke der Strafverfolgung entziehen konnten.
Die Geschichte um Mengeles Flucht und Identifizierung wirft bis heute Fragen auf: Wie konnte ein international gesuchter Kriegsverbrecher über 30 Jahre unbehelligt in Südamerika leben? Welche politischen und gesellschaftlichen Bedingungen machten dies möglich? Und welche Verantwortung trugen Staaten, die nicht konsequent ermittelten?
Gleichzeitig steht der Fall exemplarisch für die Bemühungen, NS-Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn Mengele nie vor Gericht stand, wurde sein Name zum Synonym für medizinische Verbrechen im Nationalsozialismus. Die Identifizierung seiner sterblichen Überreste war ein symbolischer Abschluss – kein juristischer, aber ein historischer.
Heute dienen die forensischen Ergebnisse auch der Forschung. Die sterblichen Überreste wurden zeitweise für medizinische Ausbildungszwecke genutzt, bevor sie später erneut bestattet wurden. Der Fall wird häufig in Lehrbüchern der Forensik als Beispiel für Identifizierung ohne unmittelbare DNA-Technologie angeführt.
Die Exhumierung in Embu das Artes markierte somit das Ende einer jahrzehntelangen Suche. Sie erinnerte zugleich daran, dass historische Gerechtigkeit nicht immer im Gerichtssaal vollzogen wird – manchmal erfolgt sie durch sorgfältige Dokumentation, wissenschaftliche Untersuchung und das Festhalten der Wahrheit.
Denn auch wenn Josef Mengele der Justiz entkam, entkam er nicht der Geschichte.




