Im Frühjahr 1943 entstanden eine Reihe eindrucksvoller Porträtaufnahmen, die bis heute einen seltenen, nüchternen Blick auf deutsche Frontsoldaten des Zweiten Weltkriegs ermöglichen. Der Fotograf Ernst Baumann hielt in diesen Bildern Angehörige des 9. SS-Panzergrenadier-Regiments „Germania“ fest – nicht im Gefecht, sondern in Momenten relativer Ruhe, fernab der unmittelbaren Kampfhandlungen.
Die Aufnahmen stammen aus einer Phase des Krieges, die für das Deutsche Reich einen tiefgreifenden Wendepunkt markierte. Nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad im Februar 1943 war der Mythos der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht endgültig gebrochen. An allen Fronten wurde deutlich, dass der Krieg eine neue, defensive Phase erreicht hatte. Auch die Truppen der Waffen-SS, darunter das Regiment „Germania“, waren zunehmend in verlustreiche Abwehrkämpfe eingebunden.
Ernst Baumanns Fotografien verzichten auf Pathos oder propagandistische Überhöhung. Stattdessen zeigen sie junge Männer, viele kaum älter als zwanzig Jahre, mit ernsten, oft erschöpften Gesichtern. Die Uniformen sind korrekt getragen, doch Spuren von Schlamm, Abnutzung und Improvisation sind unübersehbar. In ihren Blicken liegt keine Euphorie mehr, sondern Konzentration, Anspannung – und nicht selten Unsicherheit.
Das 9. SS-Panzergrenadier-Regiment „Germania“ war Teil der SS-Division „Wiking“, einer Einheit, die ursprünglich als sogenannte „germanische“ Freiwilligenformation konzipiert worden war. Neben deutschen Soldaten dienten in ihr auch Freiwillige aus verschiedenen nordeuropäischen Ländern. Im Jahr 1943 war die Division überwiegend an der Ostfront eingesetzt, wo sie an schweren Rückzugs- und Abwehrkämpfen beteiligt war.
Baumanns Porträts sind historisch besonders wertvoll, weil sie den Soldaten nicht als abstrakte Figur im großen Kriegsgetriebe zeigen, sondern als Individuum. Jeder Mann steht einzeln vor der Kamera, oft frontal, manchmal leicht seitlich gedreht. Die Hintergründe sind schlicht – Fahrzeuge, Zelte oder offene Landschaften – und lenken nicht vom Gesicht ab. Dadurch entsteht eine unmittelbare Nähe zwischen Betrachter und Abgebildetem.
Auffällig ist die große Bandbreite an Emotionen: Manche Soldaten wirken entschlossen und gefasst, andere müde oder nachdenklich. Einige versuchen, Haltung zu bewahren, während ihre Augen etwas anderes verraten. Diese stillen Details machen die Fotografien zu wichtigen Quellen für das Verständnis des Kriegsalltags jenseits offizieller Berichte und Durchhalteparolen.
Gleichzeitig dürfen diese Bilder nicht losgelöst vom historischen Kontext betrachtet werden. Die Waffen-SS war integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Herrschafts- und Kriegssystems. Viele ihrer Einheiten waren in schwere Kriegsverbrechen verwickelt. Baumanns Porträts dokumentieren einzelne Soldaten, ohne ihre individuelle Verantwortung oder die Rolle ihrer Einheit zu bewerten – genau darin liegt ihre Ambivalenz. Sie zeigen Menschen, aber sie erklären nicht die Taten, die im Namen des Regimes begangen wurden.
Für Historiker, Archivare und geschichtsinteressierte Betrachter bieten diese Fotografien dennoch einen wichtigen Zugang zur Vergangenheit. Sie erinnern daran, dass Geschichte nicht nur aus Schlachten, Befehlen und Zahlen besteht, sondern auch aus persönlichen Schicksalen. Jeder der hier Abgebildeten hatte ein Leben vor dem Krieg – und für viele endete es kurz nach dem Moment, in dem Baumann auf den Auslöser drückte.
Heute, mehr als acht Jahrzehnte später, sind diese Porträts stille Zeugnisse einer zerstörerischen Epoche. Sie mahnen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dazu, Bilder nicht isoliert, sondern immer im historischen Gesamtzusammenhang zu betrachten.




