Dita Kraus wurde 1929 in Prag geboren und wuchs in einer jüdischen Familie in der Tschechoslowakei auf. Ihre Kindheit verlief zunächst unauffällig, geprägt von Schule, Büchern und familiärer Geborgenheit. Doch mit der deutschen Besetzung des Landes änderte sich ihr Leben grundlegend. Antijüdische Gesetze schränkten den Alltag immer weiter ein, bis schließlich die Deportation unausweichlich wurde.

1942 wurde Dita gemeinsam mit ihrer Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dieser Ort wurde von der nationalsozialistischen Propaganda als „Vorzeigeghetto“ dargestellt, war jedoch in Wirklichkeit ein Durchgangslager, geprägt von Hunger, Enge und Angst. Trotz der unmenschlichen Bedingungen entwickelte sich dort ein bemerkenswerter kultureller und pädagogischer Widerstand. Lehrer, Künstler und Intellektuelle versuchten, insbesondere den Kindern ein Mindestmaß an Bildung und Menschlichkeit zu bewahren. In diesem Umfeld begegnete Dita erstmals der Idee, dass Wissen und Bildung selbst unter extremen Bedingungen ein Akt des Überlebens sein können.
1943 wurde Dita nach Auschwitz-Birkenau deportiert, genauer gesagt in den sogenannten „Familienlager“-Abschnitt. Dort traf sie auf Fredy Hirsch, einen jüdischen Sportlehrer und Erzieher, der versuchte, für die Kinder im Lager eine Art provisorische Schule aufzubauen. Dita übernahm eine außergewöhnliche Aufgabe: Sie wurde zur Hüterin einer kleinen, illegalen Bibliothek. Diese bestand aus nur wenigen, stark beschädigten Büchern, die streng verboten waren und bei Entdeckung den Tod bedeutet hätten.
Die Bücher – darunter ein Atlas, ein Grammatikbuch und einige Romane – waren für die Kinder weit mehr als Papier. Sie boten geistige Flucht, Hoffnung und einen Rest von Normalität. Dita versteckte und transportierte diese Bücher täglich, trotz der ständigen Gefahr. Ihre Aufgabe erforderte Mut, Disziplin und ein starkes Verantwortungsgefühl – Eigenschaften, die für ihr junges Alter außergewöhnlich waren.
Das Familienlager wurde im März 1944 liquidiert, die meisten Insassen ermordet. Dita überlebte, wurde jedoch in andere Lager verlegt, darunter Bergen-Belsen. Dort erlebte sie die letzten Kriegsmonate unter katastrophalen Bedingungen. Hunger, Krankheit und völlige Erschöpfung bestimmten den Alltag. Dennoch überstand sie auch diese Zeit bis zur Befreiung im April 1945.
Nach dem Krieg kehrte Dita zunächst nach Prag zurück. Sie erfuhr, dass viele ihrer Familienangehörigen den Holocaust nicht überlebt hatten. In den späten 1940er-Jahren wanderte sie nach Israel aus, wo sie ein neues Leben begann. Sie heiratete Otto Kraus, ebenfalls ein Überlebender, und arbeitete viele Jahre als Lehrerin. Bildung blieb für sie nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebenshaltung.
Erst Jahrzehnte später begann Dita Kraus öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie tat dies ohne Pathos, ohne Hass, sondern mit dem klaren Wunsch, zu erinnern und aufzuklären. Ihre Geschichte wurde durch Bücher und Zeitzeugenberichte international bekannt, unter anderem durch den Roman „Die Bibliothekarin von Auschwitz“, der auf realen Ereignissen basiert.
Dita Kraus’ Lebensweg steht exemplarisch für eine Form des Widerstands, die oft übersehen wird: den geistigen Widerstand. In einer Umgebung, die darauf ausgelegt war, Menschen zu entmenschlichen, bewahrte sie Wissen, Sprache und Würde. Ihre Geschichte zeigt, dass Überleben nicht nur körperliche Stärke bedeutet, sondern auch die Fähigkeit, Hoffnung und Sinn zu bewahren.
Heute gilt Dita Kraus als wichtige Zeitzeugin des Holocaust. Ihre Erinnerungen mahnen zur Wachsamkeit gegenüber Ausgrenzung, Hass und Geschichtsvergessenheit. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass selbst unter den dunkelsten Bedingungen Menschlichkeit möglich bleibt – durch Bildung, Verantwortung und den Mut, das Richtige zu tun.




