Die ganze Geschichte hinter diesem verstörenden Geständnis, die Gefangennahme bei Metz (Frankreich) im Januar 1945 .H
Im Januar 1945, als der Krieg im Westen bereits seinem Ende entgegenging, wurde in der Nähe von Metz in Frankreich ein deutscher Soldat gefangen genommen, dessen Aussage viele Zuhörer irritierte. Fritz Loew, 41 Jahre alt, gelernter Handwerker aus dem Deutschen Reich, diente zuletzt als Scharfschütze in einer zersplitterten Einheit der Wehrmacht. Bei seiner Vernehmung soll er einen Satz gesagt haben, der später immer wieder zitiert wurde:
„Ich habe nie absichtlich auf jemanden geschossen.“

Dieser Satz wirkt paradox. Ein Scharfschütze, ausgebildet zum gezielten Töten, der behauptet, niemals bewusst einen Menschen ins Visier genommen zu haben. Um diese Aussage zu verstehen, muss man den historischen Kontext betrachten, in dem sie fiel.
Im Winter 1944/45 war die militärische Lage für Deutschland aussichtslos. Nach der gescheiterten Ardennenoffensive rückten amerikanische und französische Truppen unaufhaltsam vor. Metz, eine stark befestigte Stadt in Lothringen, war bereits im November 1944 von US-Truppen eingenommen worden. Die umliegenden Gebiete blieben jedoch bis in den Januar hinein Schauplatz von Nachhutgefechten, versprengten Einheiten und einzelnen Scharfschützen, die den Vormarsch verzögern sollten.
Fritz Loew gehörte zu diesen Soldaten. Mit über 40 Jahren war er deutlich älter als viele seiner Kameraden. Er hatte den größten Teil seines Lebens außerhalb des Militärs verbracht und war erst im Verlauf des Krieges eingezogen worden. Seine Ausbildung zum Scharfschützen erfolgte unter Zeitdruck, mit begrenzten Mitteln und kaum psychologischer Vorbereitung. Wie viele andere Soldaten seiner Generation war er kein ideologischer Fanatiker, sondern ein Mann, der sich im Strudel der Ereignisse wiederfand.
Als er im Januar 1945 gefangen genommen wurde, war seine Einheit bereits aufgelöst. Munition war knapp, Verbindungen zur Führung bestanden kaum noch. Die Front war kein klarer Linienverlauf mehr, sondern ein zerfallenes Geflecht aus Rückzugsbewegungen, Verstecken in Wäldern und improvisierten Stellungen.
In diesem Kontext äußerte Loew seinen Satz. Historiker gehen davon aus, dass er damit nicht behaupten wollte, nie geschossen zu haben. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass er versuchte, zwischen Befehl und persönlicher Absicht zu unterscheiden. In späteren Kriegsjahren beschrieben viele Soldaten ihr Handeln als mechanisch: sehen, zielen, schießen – ohne den einzelnen Menschen dahinter wahrzunehmen. Nicht aus Menschlichkeit, sondern aus psychischem Selbstschutz.
Scharfschützen litten besonders unter dieser Belastung. Anders als Artilleristen oder MG-Schützen sahen sie ihre Ziele oft klar und deutlich. Jeder Schuss war individuell. Berichte aus allen Armeen zeigen, dass viele Scharfschützen nach dem Krieg unter schweren Schuldgefühlen litten, unabhängig davon, auf welcher Seite sie gekämpft hatten.
Loews Aussage könnte daher als ein Versuch verstanden werden, sich selbst von der moralischen Verantwortung zu distanzieren. Nicht, weil er unschuldig war, sondern weil die Realität des Krieges kaum erträglich war. In den Verhören alliierter Kriegsgefangenenlager finden sich zahlreiche ähnliche Aussagen: Männer, die sagten, sie hätten „auf Bewegungen“, „auf Befehle“ oder „auf Ziele“ geschossen – aber nicht auf Menschen.
Als Kriegsgefangener in amerikanischem Gewahrsam wurde Fritz Loew gemäß der Genfer Konvention behandelt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ihm konkrete Kriegsverbrechen nachgewiesen wurden. Wie hunderttausende andere deutsche Soldaten wartete er in Lagern auf die ungewisse Zukunft, während Europa in Trümmern lag.
Die Geschichte von Fritz Loew steht stellvertretend für viele Einzelschicksale des Zweiten Weltkriegs. Sie relativiert keine Verbrechen, sie entschuldigt nichts. Doch sie zeigt, wie komplex die menschliche Psyche unter extremen Bedingungen reagiert. Der Krieg bestand nicht nur aus Strategien, Generälen und Schlachten, sondern aus Millionen individueller Entscheidungen, Ängste und innerer Konflikte.
Heute, Jahrzehnte später, bleibt sein Satz verstörend – gerade weil er nicht einfach einzuordnen ist. Er zwingt uns dazu, über Verantwortung, Zwang und Moral im Krieg nachzudenken. Nicht, um die Geschichte umzuschreiben, sondern um sie besser zu verstehen.
Denn hinter jeder Uniform stand ein Mensch. Und hinter vielen dieser Menschen stand ein Satz, den sie ihr Leben lang nicht mehr loswurden.




