Die Amerikaner hielten ihn für einen lächerlichen deutschen Traktor – doch in dem Moment, als er Panzer bewegte, verstummte jedes Lachen… was sie dann sahen, verfolgt sie bis heute.H
Als die amerikanischen Truppen im Frühjahr 1945 immer tiefer nach Deutschland vorrückten, begegneten sie unzähligen Fahrzeugen, die überall am Straßenrand standen: ausgebrannte Panzer, verlassene Lastwagen, zerschossene Motorräder. Zwischen all diesen Überresten fiel manchen Soldaten ein sonderbares Gefährt auf.
Ein bulliger, gedrungener Traktor mit runden Kotflügeln, gewaltigen Reifen und einem offenen Fahrerhaus. Kein Tarnmuster, keine Waffen, kein Zeichen von Geschwindigkeit, einfach nur ein massiver Koloss aus Stahl. Für viele sah er aus wie ein landwirtschaftlicher Traktor, ein Gerät, das eher auf einem Feld als auf einem Schlachtfeld zu Hause war. Niemand ahnte zunächst, welche Kraft in dieser unscheinbaren Maschine steckte.
Der Schriftzug Hanomark auf dem Kühlergrill verriet seine Herkunft. Die Hannoverche Maschinenbau AG, einst bekannt für Lokomotiven und Baufahrzeuge. Was wie ein gewöhnlicher Arbeitstraktor wirkte, war in Wahrheit ein technisches Meisterwerk, das im Krieg Aufgaben übernahm, die sonst nur riesige Spezialmaschinen bewältigen konnten.
Der Hanomark SS100, so lautete seine Bezeichnung, war kein Soldat, sondern ein Arbeiter. Doch seine Arbeit war entscheidend. Während Panzer und Flugzeuge die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zogen, rollte dieser Traktor im Hintergrund durch den Krieg. Er zog Panzer aus dem Schlamm, schleppte zerstörte Fahrzeuge aus der Frontlinie und bewegte tonnenschwere Geschütze und Raketen. Wo andere Motoren längst versagten, begann für den Hanomark erst die eigentliche Arbeit. Sein dumpfer Dieselton war das Geräusch des Durchhaltens, kein Lärm der Zerstörung, sondern der Anstrengung.
Viele amerikanische Soldaten, die ihn sahen, lachten anfangs. Ein Traktor mitten im Krieg, das passte nicht in ihr Bild von deutscher Kriegsmaschinerie. Doch als sie erlebten, wie er mit stoischer Ruhe ein Fahrzeug zog, das doppelt so schwer war wie er selbst, wich das Lächeln schnell dem Staunen. In Feldberichten ist festgehalten, wie amerikanische Mechaniker die Motorhaube öffneten und sich wunderten, wie schlicht und doch kraftvoll alles konstruiert war. Keine übertriebene Technik, kein Luxus, nur Funktion.
In dieser ersten Begegnung zeigte sich ein Grundzug deutscher Ingenieurskunst jener Zeit: Kraft und Effizienz ohne Übermaß. Der Hanomark SS100 verkörperte genau das. Ein Fahrzeug, das nie Ruhm suchte, aber an der Basis alles am Laufen hielt, von den Werkstätten hinter der Front bis zu den geheimen Raketenplätzen in Penemünde. Ein stiller, ölverschmierter Riese, der nie im Rampenlicht stand und doch zu den wichtigsten Werkzeugen der Wehrmacht gehörte. So begann die Geschichte eines Traktors, den die Amerikaner für harmlos hielten, bis sie sahen, wozu er fähig war.
Die Geschichte des Hanomark SS100 begann lange bevor er in den Diensten der Wehrmacht stand. Ende der 1930er Jahre befand sich Deutschland in einer Phase massiver Aufrüstung. Überall wurden neue Fahrzeuge entwickelt: schnelle Panzer, moderne Flugzeuge, gepanzerte Transporter. Doch hinter dieser glänzenden Fassade fehlte etwas Grundlegendes: Robuste Zugmaschinen, die das schwere Material überhaupt bewegen konnten. Panzer nützten wenig, wenn sie bei einer Panne im Schlamm stecken blieben, und selbst Flugzeuge mussten auf dem Boden rangiert, gezogen und betankt werden.
Die Wehrmacht suchte ein starkes, aber zuverlässiges Fahrzeug, das überall einsetzbar war, vom Flugfeld bis zur Frontstraße. In Hannover, bei der traditionsreichen Hannover Maschinenbau AG, kurz Hanomark, hatte man längst Erfahrung mit solchen Aufgaben. Seit den 1920er Jahren baute das Unternehmen Traktoren, Straßenwalzen und Zugmaschinen, die für Bauhöfe, Eisenbahnen und Häfen bestimmt waren. Einer dieser Entwürfe bildete die Grundlage für den späteren SS100, ein ziviler Schwerlastschlepper, der ursprünglich für den Einsatz in Industrieanlagen entwickelt worden war.
Er war langsam, aber unaufhaltsam, und genau das machte ihn für das Militär interessant. Als das Heereswaffenamt auf der Suche nach geeigneten Zugfahrzeugen war, fiel der Blick schnell auf diesen Hanomakschlepper. Seine Konstruktion war außergewöhnlich robust: Ein massiver Leiterrahmen, eine starre Achse, riesige Reifen mit grobem Profil und ein Sechszylinder Dieselmotor, der trotz seiner bescheidenen Leistung von etwa 100 PS ein enormes Drehmoment lieferte. Kein Wunder, dass er bald offiziell in den militärischen Dienst aufgenommen wurde als Hanomark SS100, wobei SS nicht für eine Einheit, sondern schlicht für „schwerer Schlepper“ stand.
Von Anfang an war der SS100 als reine Zugmaschine konzipiert. Er hatte keine Panzerung, keine Waffen, keine überflüssigen Elemente. Alles an ihm war auf Funktion und Dauer ausgelegt. Der Fahrer saß hoch, das Getriebe war gewaltig, die Kupplung so schwer, dass sie nur mit kräftigem Tritt betätigt werden konnte. Doch was er an Komfort vermissen ließ, machte er mit Zuverlässigkeit wett. Seine Motoren liefen selbst unter widrigsten Bedingungen, bei Frost, im Schlamm oder unter Dauerbelastung, mit stoischer Ruhe.
Bald zeigte sich, dass der Hanomark mehr konnte, als man erwartet hatte. In internen Tests zog er Anhänger mit Lasten von bis zu 20 Tonnen tatsächliche Zuglast. Das war genug, um selbst beschädigte Panzer wie den Tiger oder schwere Geschütze zu bewegen. Seine Höchstgeschwindigkeit lag bei kaum 40 km pro Stunde, aber darauf kam es nicht an. Entscheidend war die Kraft, mit der er seine Fracht in Bewegung setzte, und das konnte er mit einer Präzision, die viele moderne Fahrzeuge übertraf. Diese Eigenschaften machten ihn schnell unersetzlich.
Ab 1938 begannen systematische Bestellungen durch die Wehrmacht. Hunderte SS100 rollten aus den Werkshallen in Hannover, viele in neutralem Grau lackiert, einige für die Luftwaffe in typischem Gelbton. Sie wurden nicht nur in Deutschland eingesetzt, sondern auch in besetzten Gebieten in Frankreich, Polen, der Sowjetunion und Nordafrika. Überall, wo Nachschub, Bergung oder schwere Technik gebraucht wurde, tauchte dieser Traktor auf.
In den Werkstätten der Luftwaffe wurde der SS100 bald zum vertrauten Bild. Er schleppte abgestellte Junkers und Heinkelbomber über das Rollfeld, zog defekte Maschinen in die Hangars und brachte beladene Tankanhänger an die Startbahnen. Soldaten nannten ihn respektvoll „den Dicken“, manchmal auch „den Esel“, weil er alles zog, ohne zu klagen. Was ihn besonders machte, war die Art, wie er gebaut war. Nichts an ihm war übermäßig kompliziert. Jeder Mechaniker konnte ihn warten, jede Einheit ihn einsetzen. Kein Wunder, dass Hanomark den Ruf bekam, den unzerstörbaren Schlepper gebaut zu haben. Selbst wenn der Motor beschädigt oder das Getriebe halb gebrochen war, schaffte der SS100 es oft aus eigener Kraft zurückzufahren.
Als die Alliierten ihn Jahre später untersuchten, waren sie beeindruckt, wie klar und zweckmäßig er konstruiert war. Kein überflüssiges Gewicht, keine versteckte Elektronik, nur reine Mechanik und physische Kraft. Der Hanomark SS100 war das Sinnbild einer Ingenieursidee, die in Deutschland lange Tradition hatte: einfache Mittel, maximale Wirkung.
Als der Krieg begann, wurde der Hanomark SS100 aus seinem zivilen Alltag herausgerissen. Was einst auf Baustellen, in Werften und Bahnhöfen arbeitete, fand sich plötzlich in den langen Kolonnen der Wehrmacht wieder. Doch während Panzer nach Ruhm strebten und Lastwagen für Geschwindigkeit gebaut wurden, blieb der SS100 das, was er immer war: ein stiller, kräftiger Arbeiter. Er war nicht dafür gedacht, Menschen zu transportieren oder Stellungen anzugreifen. Seine Aufgabe begann dort, wo andere Maschinen aufgaben.
In den ersten Kriegsjahren diente der SS100 vor allem im Hinterland, bei der Luftwaffe, in Reparaturparks und in schweren Werkstattkompanien. Auf den großen Flugplätzen des Reiches war er allgegenwärtig. Wenn eine Messerschmitt mit Motorschaden aus der Startbahn gezogen werden musste, kam der Hanomark. Wenn ein Heinkelbomber nach einer Notlandung quer über das Feld stand, rollte der Hanomark hin, legte den Gang ein und mit tiefem Brummen setzte sich die ganze Masse in Bewegung. Sein Motor klang dumpf und ruhig, fast gleichgültig gegenüber der Last, die er zog.
In den kalten Wintern an der Ostfront wurden seine Fähigkeiten noch deutlicher. Dort, wo der Boden gefroren und die Straßen unpassierbar waren, blieben selbst Halbkettenfahrzeuge stecken. Aber der SS100 mit seinen riesigen Hinterreifen und dem gewaltigen Drehmoment fand fast immer Halt. Soldaten erzählten später, dass sie ihn manchmal an Panzer anketten mussten, um sie aus dem Morast zu ziehen, und dass der Traktor es tatsächlich schaffte, ein Dutzend Tonnen Stahl aus dem Dreck zu reißen.
Ein besonderer Anblick bot sich auf den Raketenstützpunkten der V2-Programme in Penemünde und später in den Wäldern von Nordfrankreich: Dort zogen Hanomark SS100 die gewaltigen Raketen auf ihren Meilerwagen zum Startplatz. Ohne ihn hätten die mobilen Abschussstellungen nicht funktioniert. Der SS100 schleppte nicht nur die Rakete selbst, sondern auch die tonnenschweren Aggregate, Stromgeneratoren, Kühlwagen und Betankungsgeräte. Wenn die Mannschaften unter strengster Geheimhaltung arbeiteten, war das Dröhnen des Hanomarkmotors oft das einzige Geräusch, das durch die Nacht hallte.
Doch der SS100 war nicht nur Werkzeug der Technik, sondern auch Symbol für das Improvisieren im Krieg. In den letzten Kriegsjahren, als Benzin knapp wurde und Ersatzteile fehlten, griffen viele Einheiten auf diese robusten Zugmaschinen zurück. Sie zogen Kanonen, Munition und beschädigte Fahrzeuge, manchmal sogar Anhänger mit Verwundeten. Mechaniker schätzten ihn, weil er selbst mit minderwertigem Treibstoff lief. Manche füllten Öl und Diesel im Verhältnis eins zu eins und der Motor brummte trotzdem weiter.
In den Feldberichten finden sich kaum Einträge über den Hanomark SS100, gerade weil er funktionierte. Fahrzeuge, die nie versagten, schrieben keine Geschichte; sie machten sie möglich. Doch wer einmal gesehen hatte, wie dieser Traktor einen Panzer quer über ein Feld schleppte, vergaß es nie.
Amerikanische Aufklärungseinheiten, die nach dem Krieg deutsche Depots durchsuchten, fanden Dutzende davon. Auf den ersten Blick hielten sie sie für gewöhnliche Traktoren, bis sie die Anhänger sahen, die sie bewegt hatten: zerbeulte Panzer, schwere Flugzeuge, mobile Werkstätten. Er war das Rückgrat dessen, was man selten auf Bildern sieht: der Logistik des Krieges. Ohne ihn wären Panzer an Ort und Stelle verrostet, Raketen nie gestartet, Flugzeuge nie wieder in die Luft gegangen. Der Hanomark SS100 war das stille Bindeglied zwischen Technik und Front, zwischen Planung und Realität. Und je länger der Krieg dauerte, desto mehr wuchs seine Bedeutung. Wenn in den Werkstätten der Wehrmacht ein Motor aufheulte und ein Funke von Hoffnung über das graue Gelände flackerte, dann war es oft der Hanomark, der sich wieder in Bewegung setzte. Müde, aber unaufhaltsam.
Wer den Hanomark SS100 zum ersten Mal sah, konnte kaum glauben, dass sich in seinem gedrungenen Körper eine solche Kraft verbarg. Er wirkte schwerfällig, altmodisch, fast behäbig, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Keine Panzerung, keine elegante Form, kein Zeichen von Geschwindigkeit. Und doch war es gerade diese Schlichtheit, die ihn zu einem der stärksten Fahrzeuge seiner Art machte.
Sein Herz war ein mächtiger Sechszylinder Dieselmotor, der scheinbar unspektakuläre 100 PS leistete. Doch diese Zahl täuschte. Entscheidend war nicht die Geschwindigkeit, sondern das Drehmoment, die rohe stetige Kraft, mit der der Motor Lasten in Bewegung setzte. Über ein gewaltiges Getriebe, fast so groß wie ein Motorblock, übertrug der Hanomac seine Kraft auf die massiven Hinterräder. Und wenn der Fahrer den ersten Gang einlegte, zitterte der Boden, bevor sich die Fracht langsam in Bewegung setzte. Soldaten beschrieben dieses Gefühl oft mit Ehrfurcht. Man sah den Traktor kaum rollen, aber man spürte, wie alles um ihn herum arbeitete. Das metallische Schlagen der Kolben, das langsame Stampfen der Reifen, der gleichmäßige Rhythmus, als würde eine Maschine atmen.
Es gab Momente, in denen er ganze Panzer aus dem Schlamm zog, die doppelt so schwer waren wie er selbst. Besonders an der Ostfront, wo Frost und Matsch jedes Fahrzeug zum Stillstand brachten, galt der Hanomark als letzte Hoffnung, wenn nichts anderes mehr half. In technischen Berichten der Wehrmacht wird erwähnt, dass der SS100 mit speziellen Anhängern bis zu 180 Tonnen Gesamtlast bewegen konnte. Eine Zahl, die selbst in der Nachkriegszeit Staunen auslöste. Kein Wunder, dass er nicht nur Panzer schleppte, sondern auch Lokomotiven und Flugzeuge. Auf Flugplätzen zog er ganze Bomberstaffeln in Position. In Raketenstellungen bewegte er V2 Raketen auf ihren Startwagen, die allein mehr als 12 Tonnen wogen, und all das mit einer Ruhe, die beinahe unheimlich war.
Ein amerikanischer Techniker, der 1945 in einem Bericht des Ordnance Corps zitiert wurde, schrieb:
„It looks like a farmtractor, but it pulls like ten of ours.“
Er meinte damit genau diese Diskrepanz zwischen Aussehen und Leistung. Die Amerikaner, die an große laute Zugmaschinen gewöhnt waren, konnten kaum fassen, dass dieser scheinbar einfache deutsche Schlepper eine solche Präzision und Stärke vereinte.
Was sie besonders beeindruckte, war die Bauweise. Alles am Hanomark war überdimensioniert, aber sinnvoll. Die Rahmenprofile waren so dick, dass sie kaum verbogen werden konnten. Die Kupplung, ein riesiger Stahlzylinder, war so robust, dass sie unter voller Last arbeiten konnte, ohne zu überhitzen. Selbst bei langen Einsätzen über Stunden lief der Motor gleichmäßig, ein Zeichen exzellenter Abstimmung und sorgfältiger Fertigung. Der SS100 war kein Wunderwerk der Innovation, sondern das Ergebnis von Erfahrung. Er zeigte, dass deutsche Ingenieure verstanden, wie man Kraft überträgt, ohne sie zu verschwenden. Jedes Zahnrad, jede Welle war so berechnet, dass sie unter extremen Bedingungen funktionierte, bei Kälte, Hitze, Schlamm oder Staub.
Viele Soldaten sagten später, der Hanomark sei wie ein Arbeitspferd gewesen: stur, laut und unermüdlich. Er tat, was getan werden musste, ohne Aufsehen, ohne Eile. Und wenn man ihn einmal in Bewegung gesehen hatte, verstand man, dass dieser Traktor mehr war als ein Fahrzeug. Er war ein Sinnbild für deutsche Ingenieurskunst: Einfach, stark, verlässlich. Als die Amerikaner schließlich einen von ihnen in Aktion sahen, wie er einen Panther Panzer über eine Schotterstraße zog, blieben sie stehen. Keiner sprach. Nur das dumpfe Brummen des Motors füllte die Luft. In diesem Moment begriffen sie, dass hinter der deutschen Kriegsmaschinerie nicht nur Waffen standen, sondern Maschinen, die gebaut waren, um nie aufzugeben.
Als der Krieg zu Ende ging und die amerikanischen Truppen immer tiefer in das zerstörte Deutschland vordrangen, fanden sie überall Spuren einer gewaltigen Industrie: verlassene Fabriken, halbfertige Raketen, Panzerwracks und Maschinen, deren Zweck sie oft nicht sofort verstanden. Zwischen alldem stand hin und wieder ein bulliger Traktor, grau, staubig, mit breiten Reifen und einem schweren Haken am Heck. Viele Soldaten gingen achtlos daran vorbei. Für sie war es einfach ein weiteres Stück landwirtschaftlicher Technik. Vielleicht ein Traktor für Bauarbeiten oder das Ziehen von Anhängern. Erst als Ingenieure und Mechaniker der US-Army genauer hinsahen, wurde klar, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Fahrzeug zu tun hatten.
Auf einem Flugplatz bei Kassel beobachteten amerikanische Techniker, wie ein deutscher Zivilmechaniker, der nach der Kapitulation weiterarbeitete, einen der Hanomark SS100 in Gang setzte. Der Mann kletterte in das Fahrerhaus, startete den Motor mit einer Handkurbel und nach ein paar Sekunden füllte ein tiefes, gleichmäßiges Brummen die Luft. Dann legte er den Gang ein und der Traktor setzte sich in Bewegung, langsam, aber unaufhaltsam. Auf dem Rollfeld stand ein erbeuteter Messerschmitt-Bomber, fast 14 Tonnen schwer. Der Hanomark fuhr vor, wurde mit dicken Stahlseilen verbunden und ohne sichtbare Mühe zog er das Flugzeug über den Beton. Die Amerikaner, die daneben standen, trauten ihren Augen nicht. Ein paar Männer lachten, dachten an einen Zufall.
Doch dann spannte der Mechaniker das Seil an einen zweiten Bomber und auch der bewegte sich. Der Traktor, der kaum größer war als ein Jeep mit Doppelkabine, schaffte, was selbst schwere Zugmaschinen der Alliierten nicht ohne Mühe taten. Die amerikanischen Ingenieure ließen den SS100 daraufhin gründlich untersuchen. Im Bericht des Ordnance Department heißt es, dass das Fahrzeug in Konstruktion und Ausführung ungewöhnlich solide und zweckmäßig sei. Besonders lobten sie den Motor, einen Sechszylinder Diesel, der unter hoher Last eine erstaunlich gleichmäßige Leistung brachte. Auch das Getriebe erregte Bewunderung. Es war grob, aber präzise gefertigt, mit einer Untersetzung, die selbst beim Ziehen von bis zu 20 Tonnen tatsächliche Zuglast kaum Vibrationen verursachte.
Viele amerikanische Soldaten, die den Hanomark in Aktion sahen, sprachen später davon, dass er ihnen wie ein Sinnbild deutscher Ingenieurskunst vorkam: Kein Übermaß, keine unnötige Technik, nur Stahl, Kraft und Verlässlichkeit. In einigen Einheiten wurde der SS100 sogar übernommen und weiter verwendet. Auf Aufnahmen aus den Jahren bis 1947 sind mehrere Exemplare zu sehen, auf denen amerikanische Sterne über die alten Balkenkreuze gemalt wurden. Sie dienten in Depots, auf Flugplätzen und bei Bergungstrupps genau denselben Aufgaben, für die sie gebaut worden waren.
Ein Offizier der US Air Technical Service Command notierte später:
„Wir hielten ihn für einen primitiven Traktor, bis wir sahen, was er wirklich konnte. In seiner Schlichtheit steckt mehr Verstand, als wir dachten.“
Diese Erkenntnis war typisch für viele alliierte Begegnungen mit deutscher Technik. Der Hanomark SS100 stand stellvertretend für jene Maschinen, die kaum jemand wahrnahm, aber ohne die der Krieg nie in diesem Ausmaß hätte geführt werden können. Manche der amerikanischen Mechaniker, die den SS100 in den Jahren nach dem Krieg reparierten oder nutzen, erzählten, dass sie ihn lieber fuhren, als ihre eigenen schweren Zugmaschinen.
„Er springt immer an“, sagte einer, „und wenn er zieht, dann zieht er, bis das Seil reißt.“
So wurde aus einem missverstandenen Traktor ein Symbol für Respekt. Die Amerikaner hatten gelernt, dass wahre Stärke nicht laut sein musste. Manchmal reichte ein ruhiges, tiefes Brummen und eine Maschine, die einfach tat, was man von ihr verlangte.
Während an der Front Panzer kämpften und Flugzeuge den Himmel beherrschten, arbeitete der Hanomark SS100 im Schatten eines der geheimsten und ehrgeizigsten Projekte des Dritten Reiches: dem Raketenprogramm der V2. In den abgelegenen Wäldern von Penemünde, in Nordfrankreich und später in den Tunneln des Mittelwerks bei Nordhausen war er ein unverzichtbares Werkzeug. Ohne ihn wäre keine Rakete gestartet, kein Startwagen bewegt, kein mobiles Aggregat an seinen Platz gebracht worden.
Die V2 war ein technisches Wunder ihrer Zeit, aber auch ein logistischer Albtraum. Jede Rakete wog über fünf Tonnen. Dazu kamen Startgestelle, Tanks, Betankungsfahrzeuge und mobile Werkstätten. All das musste präzise bewegt werden, oft auf unbefestigten Wegen, im Schlamm oder bei Nacht. Hier kam der Hanomark SS100 ins Spiel. Mit seiner gewaltigen Zugkraft konnte er die tonnenschweren Meilerwagen ziehen, die speziellen Anhänger, auf denen die Raketen transportiert und in Startposition gebracht wurden. Wenn man heute die Aufnahmen aus Penemünde betrachtet, erkennt man sie immer wieder: die bulligen grauen Zugmaschinen, die langsam durch den Sand rollten, während Männer in schwarzen Uniformen mit Peilstäben und Kabeln um sie herumliefen.
Der Hanomark war das Bindeglied zwischen Werkstatt und Startrampe. Sein Motorlauf begleitete jeden Startvorgang, dumpf, gleichmäßig, fast beruhigend, während ringsum alles von Explosionen, Chemikalien und Befehlen erfüllt war. Ein Zeitzeuge, der als Mechaniker im Raketenregiment diente, erinnerte sich später:
„Wenn der Hanomark ankam, wussten wir, dass es ernst wurde. Dann wurde die Rakete angehängt, die Leitungen geprüft und niemand durfte mehr rauchen. Der Traktor zog die V2 langsam in Stellung und jeder Schritt musste sitzen. Ein Fehler! und das ganze Ding wäre explodiert.“
Der SS100 war in diesen Einsätzen mehr als nur eine Maschine. Er war das letzte Glied einer gefährlichen Kette, die mit Präzision und Disziplin funktionierte. Die Männer vertrauten ihm, weil er selbst unter extremem Druck nicht versagte. In den feuchten Wäldern von Nordfrankreich, wo die mobilen Abschussrampen nach alliierten Luftangriffen ständig verlegt werden mussten, zogen Hanomarks bei Nacht kilometerlange Kolonnen von Fahrzeugen, Raketen und Ersatzteilen.
Als die Alliierten später die Abschussplätze fanden, waren es oft die Hanomark-Schlepper, die zwischen zerstörten Meilerwagen und halbverbrannten Raketen übrig geblieben waren. Amerikanische Offiziere beschrieben sie als überdimensionale Traktoren mit einer erstaunlichen Fähigkeit, alles zu bewegen, was an ihnen befestigt wurde. Einige wurden geborgen und zu Tests in die Vereinigten Staaten gebracht, wo sie im Rahmen des Projekts Backfire untersucht wurden, gemeinsam mit den Raketen, die sie einst gezogen hatten.
Im Mittelwerk Dora, tief unter der Erde, arbeiteten Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen an der Serienfertigung der V2. Auch hier kamen Hanomark SS100 zum Einsatz, um fertige Komponenten aus den Tunneln zu ziehen. Für viele der Arbeiter war das dumpfe Brummen ihres Motors ein vertrautes Geräusch, eines, das Arbeit, Gefahr und Hoffnung zugleich bedeutete. Mit dem Zusammenbruch des Reiches endete auch die Zeit dieser geheimen Maschinen. Doch als die Alliierten die Anlagen einnahmen, standen die Hanomarks noch da, bereit, als hätten sie nur auf den nächsten Befehl gewartet. Ihre Motoren waren kalt, aber unbeschädigt. Und wer sie sah, verstand, dass diese grauen Traktoren ebenso Teil des Raketenprogramms gewesen waren wie die Wissenschaftler und Ingenieure, deren Namen später die Geschichte prägten.
So wurde der Hanomark SS100 zum stillen Helden einer Waffe, die die Grenzen des Krieges überschritt und den Weg in das Raumfahrtzeitalter ebnete. Er war kein Symbol der Zerstörung, sondern der Mechanik, die alles zusammenhielt: unscheinbar, aber unverzichtbar.
Als der Krieg vorbei war, blieb der Hanomark SS100, wie so viele Maschinen, einfach stehen. Auf Flugplätzen, in zerstörten Städten, an verlassenen Frontabschnitten. Manche standen halb im Boden versunken, von Schrapnellen durchlöchert, andere waren erstaunlich unversehrt. Ihre Motoren waren verstummt, doch ihre Geschichte war noch nicht zu Ende. Die Alliierten, die unzählige Fahrzeuge beschlagnahmten, erkannten schnell den praktischen Wert dieser robusten Traktoren. In den ersten Nachkriegsmonaten, als überall Aufräumarbeiten begannen und ganze Städte aus Schutt und Asche bestanden, wurden die Hanomark SS100 wieder in Gang gesetzt. Amerikanische und britische Pioniereinheiten nutzten sie, um zerstörte Panzer zu bergen, Flugzeuge zu ziehen und Material zu transportieren.
Auf vielen Fotos aus den Jahren 1946 und 1947 sieht man die markante Silhouette des Hanomark. Diesmal mit weißen Sternen oder britischen Kennzeichen, aber immer mit derselben unverkennbaren Haltung: schwer, zuverlässig, unbeirrt. In Großbritannien setzte die Royal Air Force mehrere erbeutete Hanomars auf Flugplätzen ein. Dort zogen sie Transportmaschinen, Bombenanhänger und Reparaturplattformen – genau dieselben Aufgaben, die sie schon unter der Luftwaffe erfüllt hatten.
Britische Mechaniker lobten ihre Einfachheit und Robustheit. Ein Bericht des RAF Maintenance Command erwähnte, dass der Hanomark auch nach Jahren der Vernachlässigung mit minimaler Wartung startklar war. Das allein genügte, um ihn wertvoller zu machen als viele der eigenen Zugmaschinen, die empfindlicher auf Schmutz und Kälte reagierten.
In Deutschland selbst blieb der Hanomark ein vertrautes Bild. Viele ehemalige Wehrmachtsfahrzeuge wurden in zivile Hände überführt, offiziell oder heimlich. Bauern, Bauunternehmer und Werkstätten nutzten sie für schwere Arbeiten, die kein anderes Fahrzeug bewältigen konnte. Manche erhielten neue Lackierungen, andere einfache Umbauten: Eine Kabine aus Holz, neue Scheinwerfer, ein selbstgebauter Anhänger. Doch unter allem blieb der gleiche Motor, die gleiche Kraft, das gleiche ruhige Stampfen.
In den 1950er Jahren tauchte der Hanomark SS100 sogar in der jungen Bundesrepublik wieder auf. Nicht als militärisches Relikt, sondern als Symbol des Wiederaufbaus. In Häfen und Industriebetrieben zogen sie wieder schwere Ladungen. Diesmal keine Waffen, sondern Stahlträger, Zement und Lokomotivteile. Ihre Lebensdauer war legendär. Viele liefen 20, 30 Jahre nach Kriegsende noch regelmäßig. Ein ehemaliger amerikanischer Ingenieur erzählte später, dass ein Hanomark, den sie 1945 in Frankreich beschlagnahmt hatten, noch 1962 in einem Depot der US-Armee in Betrieb war, ohne jemals eine Generalüberholung erhalten zu haben.
„Er war langsam wie eine Schnecke“, sagte er, „aber er hörte nie auf.“
Auch in der Nachkriegsforschung fand der Hanomark Beachtung. Für viele Ingenieure galt er als Beispiel dafür, wie man Maschinen baut, die den Krieg überleben. In technischen Museen, etwa in Sinsheim und Dresden, steht heute noch ein SS100. Geölt, restauriert, aber mit denselben Spuren an Rahmen und Achsen, die erzählen, was er einst geleistet hat. Vielleicht ist das Erstaunlichste an seiner Geschichte: Er begann als ziviler Traktor, wurde zum Werkzeug des Krieges, half beim Start der ersten Raketen und kehrte danach wieder dorthin zurück, wo er herkam – auf Baustellen, in Werkstätten, zu den Menschen.
Während andere Kriegsmaschinen im Museum als Symbole der Zerstörung stehen, erzählt der Hanomark SS100 von Beständigkeit, von Technik, die gebaut wurde, um zu arbeiten, nicht um zu töten. Und so brummte er noch Jahre nach dem letzten Schuss über europäische Straßen, langsam, rau, aber unbeirrbar. Ein Veteran ohne Orden, doch mit einer Leistung, die selbst seine Feinde respektierten.
Heute steht der Hanomark SS100 in Museen, auf Oldtimertreffen oder in Sammlungen, still, verstaubt, manchmal mit abblätternder Farbe. Wer ihn sieht, erkennt vielleicht nur einen alten Traktor, schwer und kantig, ohne jede Eleganz. Doch hinter seiner stählernen Hülle verbirgt sich mehr als nur ein Stück Technik. Er ist ein Symbol einer Zeit, in der Maschinen nicht für Ruhm gebaut wurden, sondern für das Durchhalten, für das Schaffen, Ziehen, Tragen, immer weiter, egal unter welchen Umständen.
Der Hanomark SS100 verkörpert etwas, das in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs leicht übersehen wird. Man spricht über Panzer, über Flugzeuge, über Waffen, die die Schlachten entschieden. Aber kaum jemand erinnert sich an jene Maschinen, die im Hintergrund alles zusammenhielten. Fahrzeuge wie der Hanomark waren die unsichtbaren Muskeln des Krieges. Ohne sie wäre kein Panzer an die Front gekommen, keine Rakete gestartet, kein Flugplatz funktionsfähig geblieben. Seine Kraft lag nicht in Geschwindigkeit oder Feuerkraft, sondern in Zuverlässigkeit. In einer Welt, die von Lärm, Zerstörung und Chaos erfüllt war, stand der SS100 für Beständigkeit, für das Vertrauen, dass etwas funktioniert, wenn alles andere versagt.
Für viele Mechaniker, Fahrer und Soldaten war er ein vertrauter Begleiter, kein Held im heroischen Sinn, sondern ein Partner, der einfach tat, was getan werden musste. Vielleicht ist das der Grund, warum er nach dem Krieg weiterlebte, weil er nie ein Symbol des Hasses war, sondern der Arbeit, ein Werkzeug, das sich nicht änderte, egal unter welcher Flagge er stand.
Amerikaner, Briten, Deutsche, alle, die ihn nutzten, kamen zum Schluss:
„Er funktioniert.“
Wenn man heute seinen Motor hört, das tiefe, gleichmäßige Brummen, das langsam ansteigt und dann in einen ruhigen Rhythmus übergeht, spürt man etwas von jener Vergangenheit, die nicht nur aus Kämpfen und Fronten bestand, sondern auch aus Technik, Handwerk und menschlichem Können. Der Hanomark SS100 war eine Maschine, die Grenzen überdauerte. Er diente Kriegszwecken, aber er war nie kriegerisch. Er erinnert uns daran, dass selbst im dunkelsten Kapitel der Geschichte Dinge entstehen konnten, die von Intelligenz, Präzision und Ausdauer zeugen. Eigenschaften, die später ganze Nationen wieder aufbauten.
Deshalb sollte man ihn nicht vergessen, nicht weil er Teil des Krieges war, sondern weil er zeigt, dass selbst inmitten der Zerstörung etwas geschaffen werden kann, das Bestand hat.
„Ein einfacher Traktor“, sagten die Amerikaner, bis sie sahen, dass er Panzer bewegen konnte.
„Heute sagt man vielleicht ein Relikt.“
Doch wer genau hinsieht, erkennt darin etwas Zeitloses: Die Kraft des Menschen, etwas zu bauen, das bleibt.




