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Jagd auf den Teufel: Hans Kammler, der Architekt hinter den geheimsten Waffen des Dritten Reiches – wohin verschwand er wirklich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs?.H

Mai 1945. Deutschland bricht zusammen. Unter den endlosen Kolonnen kapitulieren­der Truppen verschwindet ein Mann spurlos – und mit ihm ein Geheimnis, das die Geschichte bis heute verfolgt. Sein Name ist Hans Kammler, ein Ingenieur, der die geheimsten Waffen des Reiches errichtete. Manche sagten, er habe sich das Leben genommen. Andere schworen, er sei von den Amerikanern gefasst worden. Doch hinter diesem Rätsel verbirgt sich eine dunklere Wahrheit.

Hans Friedrich Karl Franz Kammler wurde am 26. August 1901 in Stettin geboren, damals Teil des Deutschen Kaiserreichs. Sein Vater war Beamter, und seine Erziehung folgte dem traditionellen preußischen Weg aus Disziplin, Studium und Dienst.

In den 1920er-Jahren studierte Kammler Bauingenieurwesen in Danzig und München und promovierte. Doch seine Ambitionen reichten bald über die Architektur hinaus. Wie viele junge Fachleute in den instabilen Jahren der Weimarer Republik wandte er sich dem Nationalismus zu, um Orientierung zu finden. 1931 trat Kammler der NSDAP und der SS bei, zwei Jahre bevor Hitler an die Macht kam. Er schloss sich rasch dem technokratischen Flügel der Bewegung an – jenen, die glaubten, Deutschlands Zukunft liege in Effizienz, Organisation und totaler Kontrolle.

Innerhalb der SS machten ihn seine ingenieurtechnischen Fähigkeiten wertvoll. Mitte der 1930er-Jahre arbeitete er im Reichsluftfahrtministerium und war an Bauprojekten für die Luftwaffe beteiligt. Seine Mischung aus administrativem Geschick und Loyalität zum Regime zog die Aufmerksamkeit hochrangiger Persönlichkeiten auf sich, insbesondere Heinrich Himmlers, der technische Köpfe schätzte, die Ideologie in Infrastruktur umsetzen konnten.

1940 wurde Kammler in das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt unter Oswald Pohl versetzt. Dort übernahm er die Leitung der Amtsgruppe C, die für SS-Bauprojekte im gesamten besetzten Europa zuständig war. Zu seinen Aufgaben gehörten nun der Bau von Kasernen, Rüstungsfabriken und – am berüchtigtsten – Konzentrationslagern.

Unter Kammlers Leitung erweiterten SS-Ingenieure Auschwitz, Majdanek und andere Lagerkomplexe mit Fokus auf Skalierbarkeit, Verkehrsanbindung und strukturelle Effizienz. Kammlers Rolle war nicht die eines distanzierten Aufsehers. Er unterzeichnete Befehle, prüfte Baupläne und führte Vor-Ort-Inspektionen durch. Zeugen sagten später aus, er habe 1942 Auschwitz persönlich besucht und neue Lageranlagen inspiziert, die die Kapazität des Systems erhöhen sollten.

Seine technischen Empfehlungen wurden schnell umgesetzt, was sowohl seinen Einfluss als auch das Vertrauen des Regimes in ihn zeigte. Innerhalb der SS-Hierarchie wuchs Kammlers Autorität rasant. 1943 hatte er den Rang eines SS-Brigadeführers inne – faktisch eines Generalmajors – und seine Zuständigkeiten reichten nun in eine umfassendere industrielle Koordination hinein. Seine Beziehung zu Himmler und Pohl blieb sachlich-transaktional: Kammler lieferte Ergebnisse, und im Gegenzug wurde er vor bürokratischen Eingriffen geschützt.

Diese Unabhängigkeit erlaubte es ihm, sich mit ungewöhnlicher Freiheit zwischen SS-, Militär- und Industriekreisen zu bewegen. Er arbeitete eng mit Firmen wie Topf & Söhne und Heinkel zusammen und verband privates Fachwissen mit SS-Aufsicht. Sein bürokratischer Erfolg – Ideologie in Architektur zu verwandeln – machte ihn unentbehrlich. Für seine Kollegen war er der Mann, der lieferte, was andere nur versprachen.

Ende 1943 nahm Hans Kammlers Karriere eine entscheidende Wendung. Das Dritte Reich wurde aus der Luft belagert, alliierte Bomber legten die deutsche Industrie lahm. Hitler verlangte, die Produktion unter die Erde zu verlegen – eine Aufgabe, die sowohl ingenieurtechnische Vision als auch absolute Skrupellosigkeit erforderte. Kammler, bereits Leiter des SS-Bauwesens, entsprach diesem Profil perfekt.

Er wurde mit der Aufsicht über ein riesiges Programm unterirdischer Rüstungsanlagen betraut, darunter eine Anlage, die berüchtigt werden sollte: Mittelwerk, verborgen im Harz nahe Nordhausen. Mittelwerk war für die Produktion der V-2-Rakete vorgesehen, Deutschlands fortschrittlichster Waffe. Am 19. August 1943, nach der britischen Bombardierung des Testgeländes Peenemünde, übernahm Kammler die Kontrolle über die Verlagerung.

Er gründete Mittelbau-Dora, ein Außenlager von Buchenwald, um Zwangsarbeiter für das Projekt bereitzustellen. Die Stollen des aufgegebenen Kohnstein-Bergwerks wurden zu einem Labyrinth aus Montagelinien, Werkstätten und Lagerkammern ausgebaut. Die Bedingungen waren hart und strikt auf Effizienz ausgerichtet – Kammlers Markenzeichen.

Sein Hintergrund als Ingenieur verschmolz nahtlos mit seiner SS-Autorität, und die Produktion beschleunigte sich trotz verheerender menschlicher Kosten. Kammler berichtete nun direkt sowohl an Heinrich Himmler als auch an Albert Speer, den Rüstungsminister des Reiches. Während Speer die Produktionsziele verwaltete, kontrollierte Kammler die Mittel: Arbeitskräfte, Anlagen und Logistik. Im März 1944 wuchs Kammlers Einfluss weiter mit der Gründung des Jägerstabs, einer Sonderkommission zur Koordination der Flugzeugproduktion.

Als alliierte Bombardierungen die deutschen Flugzeugwerke bedrohten, schlug Kammler erneut unterirdische Bauten vor. Bis September 1944 erstreckte sich seine Autorität auf nahezu jedes größere Waffenprojekt – von den V-1- und V-2-Raketen bis zum Düsenjäger Me 262. Hitler selbst nahm Notiz und lobte Kammler als einen der wenigen Männer, die noch in der Lage seien, „Wunder zu liefern“.

Im Januar 1945 war Kammler zu einer der mächtigsten Figuren im zerfallenden Reich geworden. Hitler ernannte ihn zum Generalbevollmächtigten für Düsenflugzeuge und übertrug ihm damit faktisch die Kontrolle über die letzten technologischen Projekte der Luftwaffe – eine Macht, die selbst Hermann Görings Einfluss konkurrierte.

In dieser Rolle koordinierte Kammler nicht nur die Produktion der Me 262, sondern auch die logistische Verlagerung von technischem Personal, Forschungseinrichtungen und sensiblen Unterlagen, während die alliierten Truppen vorrückten. Doch sein Erfolg war zweischneidig. Durch die Konzentration von Macht in seinen Händen wurde Kammler für andere zur Bedrohung.

Speer beschrieb Kammler später als kalt effizienten Technokraten – ehrgeizig, diszipliniert und mit dem Zusammenbruch des Krieges zunehmend gefährlich. Er fürchtete, Kammler könnte das Chaos nutzen, um mit den Alliierten über sein eigenes Überleben zu verhandeln. Als sowjetische Truppen von Osten heranrückten und die Westalliierten den Rhein überschritten, begann Kammlers Imperium aus Raketen, Flugzeugen, Lagern und Fabriken zu zerfallen.

Im April 1945 lag das Dritte Reich in Trümmern. Alliierte Streitkräfte drängten von Westen, sowjetische Armeen von Osten, und Städte in ganz Deutschland lagen in Ruinen. Inmitten dieses Chaos war Hans Kammler weiterhin unterwegs – ein Mann mit außergewöhnlicher Autorität, der einige der fortschrittlichsten Waffenprogramme des Reiches und die Menschen kontrollierte, die sie bauten. Doch seine Position war unhaltbar geworden.

Selbst innerhalb der SS war die Befehlskette zusammengebrochen. Kammlers Untergebene flohen, Akten wurden verbrannt, und sein Reich geheimer Fabriken fiel eine nach der anderen in alliierte Hände. Am 1. April 1945 verlegte Kammler Berichten zufolge sein Hauptquartier nach München und leitete die Evakuierung wichtiger V-2-Fachkräfte aus Mitteldeutschland Richtung Bayern und Österreich.

Überlebenden Telegrammen zufolge erteilte er weiterhin Befehle an Einheiten in Leitmeritz und im Mittelwerk. Gleichzeitig organisierte er den Transfer von Wissenschaftlern wie Wernher von Braun und Walter Dornberger, deren Fachwissen nun für sowohl die Alliierten als auch die Sowjets von immensem Interesse war. Einige Historiker glauben, dass Kammler sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf sein Überleben vorbereitete – weniger als Flüchtling denn als potenzielles Verhandlungsobjekt.

Mitte April hielt Kammler eine Reihe von Treffen mit führenden Raketeningenieuren ab. Eines der bestdokumentierten fand am 22. April 1945 in Oberammergau statt, einer kleinen bayerischen Stadt nahe den Alpen. Dort traf er von Braun, Dornberger und andere Peenemünde-Veteranen, um eine Kapitulation gegenüber den Amerikanern statt den Sowjets zu erörtern.

Zeugen erinnerten sich später an Kammler als ruhig, pragmatisch und ungewöhnlich höflich – einen Mann, der seinen nächsten Schritt kalkulierte, anstatt die Niederlage zu akzeptieren. Nach diesem Treffen verlor sich Kammlers Spur. Berichte deuten darauf hin, dass er nach Süden in Richtung Linz reiste, möglicherweise über Salzburg. Der letzte gesicherte Kontakt mit seinem Stab datiert um den 26. April, als die Kommunikation abrupt abbrach.

Am 7. Mai 1945 jedoch erreichte ein Schreiben mit seiner Unterschrift das SS-Kommando in Leitmeritz, das die Zerstörung von Akten und die Räumung des Gebietes anordnete. Das Datum ist entscheidend: Deutschland hatte bereits mit Kapitulationsverhandlungen begonnen. Wenn das Telegramm echt war, lebte Kammler mindestens zwei Tage vor der offiziellen Kapitulation noch. Danach: nichts. Keine verlässlichen Sichtungen, keine erbeuteten Dokumente, keine bestätigte Leiche.

Innerhalb weniger Wochen füllten Gerüchte das Vakuum. Manche behaupteten, Kammler habe sich am 9. Mai 1945 nahe Prag das Leben genommen, nachdem er seinen Fahrer angewiesen hatte, ihn allein zu lassen. Andere sagten, er sei von seinen eigenen Leuten erschossen worden. Widersprüchliche Geschichten kursierten, doch keine ließ sich verifizieren. Für die Behörden war diese Version jedoch bequem.

Kammler für tot zu erklären erlaubte es den Alliierten und den deutschen Nachkriegsgerichten, eine weitere Akte in einem Meer vermisster Namen zu schließen. Neu aufgetauchte Geheimdienstberichte – darunter Korrespondenz des Office of Strategic Services, des Vorläufers der CIA – deuteten jedoch an, dass US-Streitkräfte ihn im Mai oder Juni 1945 festgesetzt haben könnten, möglicherweise im Zusammenhang mit der Operation Paperclip und der Überführung deutscher Raketenwissenschaftler.

Als Deutschland wenige Tage später kapitulierte, war Hans Kammler bereits verschwunden – und die Suche nach ihm hatte gerade erst begonnen. In den folgenden Monaten tauchte Kammlers Name immer wieder in alliierten Geheimdienstakten auf. Amerikanische und britische Ermittler wussten genau, wer er war: Seine Unterschrift fand sich auf Dokumenten zu Rüstungsprogrammen, Raketenanlagen und dem Konzentrationslagersystem. Doch jede Spur endete in Ungewissheit.

Im November 1945 ordnete der US-Brigadegeneral George McDonald, Leiter des Nachrichtendienstes der US-Luftwaffe in Europa, eine Suche nach Kammler an, nachdem Berichte nahelegten, er könne sich bereits in amerikanischem Gewahrsam befinden. Eine separate britische Notiz verwies auf einen „Dr. Hans Kammler, SS-General“, dem detaillierte Kenntnisse der V-2-Produktion im Harzgebiet zugeschrieben wurden.

Trotz dieser Bemühungen tauchte kein bestätigter Nachweis seiner Festnahme oder Vernehmung auf. In der Nachkriegszeit erschien die Angelegenheit in Deutschland weitgehend abgeschlossen. Kammlers Familie in Berlin beantragte bei einem lokalen Gericht seine Todeserklärung. Im September 1948 entschied das Landgericht Berlin-Charlottenburg, Kammler sei „am 9. Mai 1945 verstorben“, gestützt vor allem auf eidesstattliche Erklärungen seines Fahrers Kurt Preuk und seines Adjutanten Heinz Zeuner.

Beide behaupteten, er habe sich kurz nach der deutschen Kapitulation in Nordböhmen das Leben genommen. Das Gericht akzeptierte ihre Aussagen ohne physische Beweise – keine Leiche, kein Grab, keine offizielle Bestätigung. Es war ein rechtlicher Abschluss, kein historischer. Historiker haben diese Schlussfolgerung jedoch weiterhin in Frage gestellt.

2019 veröffentlichten die deutschen Forscher Rainer Karlsch und Frank Döbert in Zusammenarbeit mit dem Wilson Center neue Erkenntnisse auf Basis freigegebener US- und deutscher Archive. Ihre Studie „Hans Kammler: Hitlers letzte Hoffnung in amerikanischer Hand“ argumentierte, Kammler habe sich nahe Prag US-Truppen ergeben und sei zur Vernehmung festgehalten worden. Karlsch und Döbert zufolge erwähnten mehrere US-Geheimdienstoffiziere einen ungenannten „SS-General mit detailliertem Wissen über deutsche Geheimwaffen“, der im Sommer 1945 zu Vernehmungszentren in Bayern geflogen worden sei.

Beide Autoren vertraten die Ansicht, diese anonyme Figur könne Kammler gewesen sein und dass die Geschichte seines angeblichen Todes später konstruiert wurde, um die Zusammenarbeit der USA mit ehemaligen SS-Angehörigen in der frühen Phase des Kalten Krieges zu verschleiern.

Skeptiker halten dagegen, dass keine harten Beweise diese Theorie stützen. Es existieren keine Vernehmungsprotokolle, Fingerabdrücke oder Fotografien, die Kammlers Festnahme bestätigen. Andere verweisen auf die Neigung der Mythen des Kalten Krieges, solche Geschichten aufzublähen und Bruchstücke von Gerüchten, fehlzugeordnete Dokumente und Nachkriegsgeheimhaltung zu Legenden zu verschmelzen. Viele Historiker argumentieren, Kammlers Verschwinden spiegele schlicht das Chaos des Jahres 1945 wider – ein Mann mit vielen Feinden und wenig Schutz, der im Zusammenbruch Deutschlands wahrscheinlich umkam.

Die Wahrheit bleibt schwer fassbar. Ob Hans Kammler in Böhmen starb, von seinen eigenen Leuten hingerichtet wurde oder in der Schattenwelt alliierter Geheimdienste verschwand – eines ist sicher: Es wurde nie eine offizielle Spur von ihm gefunden. Sein Verschwinden hinterließ ein Vakuum, das der Mythos schnell füllte, und verwandelte einen bürokratischen Ingenieur in eines der dauerhaftesten Rätsel des Dritten Reiches – einen Mann, der die Maschinerie des Krieges baute und dann in ihren Trümmern verschwand.

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