Wir mussten uns ausziehen“ – Der Moment, der deutsche Kriegsgefangene erstarren ließ, als die Wächter ihre schockierende Forderung stellten.H

Der 8. Mai 1945, gegen 5:30 Uhr abends, irgendwo zwischen den zerstörten Dörfern Torgau und Strehla an der Elbe. Genau dort, wo nur wenige Tage zuvor amerikanische und sowjetische Truppen einander zum ersten Mal die Hände geschüttelt hatten und damit symbolisch das Dritte Reich in zwei Teile zerrissen.
Die Luft war schwer von Rauch, der aus den verkohlten Resten deutscher Wagen aufstieg, vermischt mit dem süßlich-bitteren Geruch von nassem Holz, verbranntem Gummi und jenem eigenartigen Duft, den nur totale Zerstörung mit sich bringt. Es war jener besondere Geruch des Endes, den jeder, der ihn einmal gerochen hat, niemals wieder vergisst.
26 Frauen in den zerrissenen Uniformen des Reichsarbeitsdienstes und des Helferkorps standen auf einem wirren, nassen Feldweg. Ihre Gesichter waren grau vor Müdigkeit, Angst und jener tiefen, lähmenden Hoffnungslosigkeit, die entsteht, wenn man tagelang ohne Schlaf, ohne genug Nahrung und ohne jede Aussicht marschiert ist.
Oberfeldwebel Margarete Hochstädter, sechsundzwanzig Jahre alt, gebürtig aus Würzburg, Tochter eines Gymnasiallehrers und selbstgelernte Krankenschwester, bevor der Krieg sie in eine Uniform gezwungen hatte, spürte, wie ihre Knie zitterten. Nicht nur vor Kälte, obwohl der Mai 1945 ungewöhnlich kühl war und ein scharfer Wind vom Fluss herüber wehte, sondern vor dieser alles durchdringenden Furcht, die sich wie Eiswasser in ihren Eingeweiden ausbreitete.
Sie alle hatten die Geschichten gehört, jede einzelne von ihnen. Die Propagandaberichte, die ihnen vorgelesen worden waren, die Flüstereien in den Unterständen, die Warnungen der Offiziere, bevor diese selbst geflohen waren oder sich eine Kugel in den Kopf gejagt hatten. Was die Sowjets mit deutschen Frauen machten, wenn sie sie in die Hände bekamen; was amerikanische Soldaten, wenn sie erst einmal betrunken waren und keine Offiziere in der Nähe waren, mit Gefangenen anstellten.
Die Vergewaltigungen in Ostpreußen, in Schlesien, in Pommern. Die Berichte waren so grauenvoll gewesen, dass manche Frauen sich lieber das Leben genommen hatten, als in Gefangenschaft zu geraten. Und nun standen sie hier, sechs Tage nach der bedingungslosen Kapitulation, sechs Tage nach dem offiziellen Ende eines Krieges, der Europa in Schutt und Asche gelegt hatte, und warteten darauf, was mit ihnen geschehen würde.
Die amerikanischen Soldaten, die sie gefangen genommen hatten – eine Einheit der 63. Infanterie-Division, wie Margarete an den Abzeichen erkannt hatte – standen in einiger Entfernung und rauchten, während sie auf weitere Befehle warteten. Ihre Gesichter waren müde, aber nicht grausam. Das hatte Margarete überrascht. Sie hatte Monster erwartet, Bestien in Menschengestalt, so wie die Propaganda es ihnen eingeredet hatte. Stattdessen sah sie junge Männer, kaum älter als 20, die genauso erschöpft wirkten wie sie selbst.
Die Jüngste unter den Gefangenen, Helferin Anna Bergmann aus einem kleinen Dorf bei Bamberg, erst 19 Jahre alt, mit blondem Haar, das unter ihrer schmutzigen Feldmütze hervorquoll, begann plötzlich zu weinen. Nicht laut, nicht hysterisch, sondern mit jenen stillen, verzweifelten Tränen, die aus purer Erschöpfung kommen, wenn der Körper und die Seele einfach nicht mehr können. Margarete, die neben ihr stand, legte ihr vorsichtig eine Hand auf den Arm, obwohl sie selbst kaum die Kraft dazu hatte. Sie wollte etwas Tröstendes sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass alles gut werden würde? Das wäre eine Lüge gewesen, und sie hatten alle genug Lügen gehört in den letzten Jahren.
Ein amerikanischer Offizier, ein Captain, wie Margarete an den Rangabzeichen erkannte, kam auf sie zu. Er war ein großer Mann, Mitte dreißig vielleicht, mit einem wettergegerbten Gesicht und dunklen Augen, die eine eigentümliche Mischung aus Härte und Müdigkeit zeigten. Sein Name, konnte Margarete auf dem Schild an seiner Brust lesen, war Miller. Captain Robert Miller, Kompanieführer der Einheit, die sie gefangen genommen hatte.
Er blieb vor ihnen stehen, musterte sie schweigend und in diesem Moment spürte Margarete, wie sich ihr Magen zusammenzog. Dies war der Moment. Der Moment, vor dem sie sich alle gefürchtet hatten. Captain Miller räusperte sich und begann auf Englisch zu sprechen. Seine Stimme war rau, aber nicht unfreundlich. Margarete verstand genug Englisch – ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie es in der Schule lernte –, um die meisten Worte zu verstehen. Aber für viele der anderen Frauen blieben seine Worte nur fremde Laute. Er sprach langsam, fast bedächtig, als ob er sich bewusst war, dass nicht alle ihn verstehen würden.
Er sagte ihnen, dass sie jetzt Kriegsgefangene der Vereinigten Staaten von Amerika seien, dass sie registriert und dann in ein Gefangenenlager gebracht würden, dass sie sich an die Regeln halten müssten. Dann kam der Satz, der alles veränderte. Der Satz, auf den sie alle gewartet hatten, vor dem sie sich alle gefürchtet hatten.
Captain Miller machte eine Pause, sah sie alle der Reihe nach an und sagte dann mit einer Stimme, die keine Diskussion zuließ:
„You will remove your pants, all of you, now.“
Die Stille, die daraufhin eintrat, war absolut. Selbst der Wind schien für einen Moment inne zu halten. Anna Bergmann hörte auf zu weinen. Ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske blanken Entsetzens. Neben Margarete sackte eine andere Frau, Helga Schmidt, eine vierzigjährige Funkerin aus Hamburg, leicht in die Knie, als ob ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten. Margarete selbst spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte, wie die Angst, die sie die ganze Zeit über zurückgehalten hatte, plötzlich zu einer lähmenden Panik wurde.
Also war es doch wahr. Alles, was man ihnen erzählt hatte, alles, wovor man sie gewarnt hatte, es war wahr. Die Amerikaner waren nicht besser als die anderen. Sie waren nur besser darin, es zu verbergen. Margarete sah, wie einige der jüngeren Frauen zu zittern begannen, wie andere ihre Augen schlossen, als ob sie sich auf das vorbereiten wollten, was kommen würde. Eine Frau, deren Namen Margarete nicht kannte, murmelte ein Gebet – kaum hörbar, aber verzweifelt.
Captain Miller wartete. Er sagte nichts weiter, machte keine Anstalten näher zu kommen, gab seinen Soldaten keine weiteren Befehle. Er wartete einfach nur, und dieses Warten war fast schlimmer als alles andere. Die Sekunden dehnten sich wie Kaugummi, endlos und qualvoll. Margarete sah zu den anderen amerikanischen Soldaten hinüber. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, aber sie machten auch keine Anstalten einzugreifen oder ihnen zu helfen. Sie standen einfach nur da und warteten darauf, dass die Frauen den Befehl befolgten.
Mit zitternden Händen begann Margarete den Gürtel ihrer Uniformhose zu öffnen. Sie wollte nicht die Erste sein, aber sie wusste auch, dass jemand anfangen musste, dass Widerstand nur alles schlimmer machen würde. Ihre Finger fühlten sich taub an, ungeschickt, als ob sie nicht mehr ihr gehörten. Sie versuchte nicht zu denken, nicht zu fühlen, sich einfach in sich selbst zurückzuziehen, an einen Ort, wo das, was gleich geschehen würde, sie nicht mehr erreichen konnte.
Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Captain Miller hob plötzlich die Hand, eine Geste, die sie innehalten ließ. Er drehte sich um und rief etwas auf Englisch zu seinen Soldaten, die daraufhin zwei große Holzkisten herbeitrugen und vor den Frauen absetzten. Dann wandte er sich wieder zu ihnen um und zum ersten Mal lag so etwas wie ein müdes, fast trauriges Lächeln auf seinem Gesicht.
Was dann geschah, sollte Margarete Hochstädter für den Rest ihres langen Lebens – sie starb 1988 in einem Altersheim in Würzburg, im Alter von 80 Jahren, und bis zuletzt erzählte sie diese Geschichte jedem, der bereit war zuzuhören – nie vergessen. Es sollte ihr Bild von diesem Krieg, von Feinden und Freunden, von Gut und Böse für immer verändern. Denn was in den nächsten Minuten geschah, war so weit entfernt von dem, was sie erwartet hatten, dass es fast unwirklich erschien, wie ein Traum oder eine Halluzination, geboren aus zu viel Angst und zu wenig Schlaf.
Captain Miller öffnete eine der Holzkisten und zog etwas heraus, das im schwachen Licht des späten Nachmittags seltsam vertraut aussah. Es waren Hosen. Zivile Hosen, Frauenhosen. Nicht neu, nicht elegant, sondern gebraucht und geflickt, aber sauber. Er hielt sie hoch, damit alle sie sehen konnten, und sagte dann auf seinem holprigen, aber verständlichen Deutsch – offenbar hatte er einen Dollmetscher konsultiert oder selbst etwas gelernt:
„Ihre Uniformen sind voller Läuse. Wir haben das in den letzten Tagen bei vielen Gefangenen gesehen. Fleckfieber, Typhus, das können wir nicht ins Lager lassen. Sie bekommen neue Kleidung, saubere Kleidung.“
Die Stille, die folgte, war von anderer Art als zuvor. Es war nicht mehr die Stille der Angst, sondern die Stille des Nichtbegreifens. Jener Moment, wenn das Gehirn verzweifelt versucht, die Realität mit den Erwartungen in Einklang zu bringen und dabei scheitert. Margarete starrte auf die Hosen in den Händen des Captains, dann auf die Kisten, dann zurück auf sein Gesicht. Sie suchte nach Hohn, nach Grausamkeit, nach irgendeinem Zeichen, dass dies nur ein grausamer Scherz war, eine weitere Demütigung, bevor das Schlimmste kam. Aber sie fand nichts dergleichen.
Anna Bergmann, die junge Helferin mit dem blonden Haar, war die erste, die ihre Stimme wiederfand.
„Läuse?“
fragte sie mit einem so ungläubigen Tonfall, als hätte man ihr gerade erzählt, der Mond sei aus Käse.
„Sie meinen nur wegen der Läuse?“
Ihre Stimme brach bei den letzten Worten, halb Frage, halb Schluchzen, und Margarete konnte sehen, wie die Anspannung der letzten Stunden, der letzten Tage plötzlich aus dem Mädchen herausbrach wie Wasser aus einem geborstenen Damm. Captain Miller nickte ernst. Er schien zu verstehen, was in ihnen vorging, auch wenn er es nicht in Worte fasste. Stattdessen begann er methodisch Kleidungsstücke aus den Kisten zu verteilen. Oder vielmehr, er ließ zwei seiner Soldaten es tun, während er selbst ein paar Schritte zurücktrat, als ob er ihnen Raum geben wollte, als ob er ihre Würde respektieren wollte.
Die beiden Soldaten, beide nicht älter als 20, wirkten verlegen bei dieser Aufgabe. Einer von ihnen, ein rothaariger junger Mann mit Sommersprossen, vermied es sorgfältig, den Frauen in die Augen zu sehen, während er ihnen Hosen, Blusen und sogar einige Jacken reichte.
„Es gibt ein Zelt dort drüben“,
sagte Miller und deutete auf eine große Plane, die zwischen zwei noch stehenden Bäumen aufgespannt war.
„Sie können sich dort umziehen, privat. Wir bleiben hier. Die alten Uniformen werden verbrannt, aus hygienischen Gründen.“
Er machte eine Pause und dann fügte er etwas hinzu, das Margarete bis ins Mark erschütterte:
„Meine Mutter war Krankenschwester im ersten Krieg. Sie hat mir erzählt, was Fleckfieber mit ganzen Lazaretten machen kann. Ich will nicht, dass so etwas hier passiert. Nicht mehr. Nicht jetzt, wo der Krieg vorbei ist.“
Die Frauen begannen sich langsam zu bewegen. Zuerst zögerlich, dann schneller, als sie begriffen, dass keine Gefahr drohte, dass dies wirklich nur das war, was es zu sein schien: eine nüchterne, praktische Maßnahme gegen Krankheit und nicht der Beginn eines Albtraums. Sie nahmen die Kleidung entgegen, manche murmelten ein leises Danke, andere waren noch zu benommen, um überhaupt zu sprechen. Margarete beobachtete, wie ihre Kameradinnen einer nach der anderen zum Zelt gingen und versuchte immer noch das Geschehene zu verarbeiten.
Helga Schmidt, die Funkerin aus Hamburg, die vorhin fast in die Knie gegangen war, stand neben Margarete und hielt eine dunkelgraue Hose und eine geflickte Bluse in den Händen. Ihre Augen waren feucht, aber sie weinte nicht. Stattdessen sagte sie mit einer Stimme, die vor unterdrückter Emotion zitterte:
„Ich habe mir vorgestellt… Ich habe gedacht…“
Sie konnte den Satz nicht beenden. Sie musste es auch nicht. Margarete verstand genau, was sie hatte sagen wollen.
„Ich auch“,
flüsterte Margarete zurück.
„Wir alle haben es gedacht.“
Im Zelt herrschte eine eigenartige Atmosphäre, eine Mischung aus Erleichterung, Ungläubigkeit und jener tiefen körperlichen Erschöpfung, die kommt, wenn Adrenalin nachlässt und der Körper plötzlich merkt, wie müde er wirklich ist. Die Frauen zogen sich schweigend um, halfen einander mit Knöpfen und Gürteln, und Margarete konnte sehen, wie viele von ihnen tatsächlich Spuren von Läusebissen auf ihrer Haut trugen. Rote, juckende Punkte, manche entzündet. Sie selbst hatte sich in den letzten Wochen ständig gekratzt, hatte es aber ignoriert, weil es so viele andere, dringendere Probleme gegeben hatte.
Die zivile Kleidung passte nicht perfekt. Manche Hosen waren zu weit, andere zu eng. Die Blusen hatten unterschiedliche Größen, aber sie waren sauber und allein das fühlte sich wie ein unglaublicher Luxus an. Margarete zog eine braune Wollhose an, die etwas zu groß war, und eine weiße Bluse mit einem kleinen Riss am Ärmel. Als sie fertig war und aus dem Zelt trat, sah sie, dass Captain Miller einen seiner Soldaten losgeschickt hatte, der nun mit mehreren Eimern Wasser zurückkam.
„Sie können sich waschen, wenn Sie wollen“,
sagte Miller.
„Es ist kalt, ich weiß, aber sauber ist wichtig.“
Er deutete auf eine zweite, kleinere Plane, die offenbar als provisorischer Waschbereich aufgebaut worden war. Einige Soldaten hatten sogar ein Stück Seife organisiert. Grobe, graue Seife, die nach Lauge roch. Aber Seife war Seife und Margarete konnte sehen, wie einige der jüngeren Frauen ihre Gesichter und Hände wuschen, als ob sie sich von mehr als nur Schmutz befreien wollten. Anna Bergmann kam zu Margarete, ihr Gesicht noch feucht vom Waschen, ihre Augen rot gerändert.
„Schwester Margarete“,
sagte sie – sie nannte Margarete immer noch bei ihrem alten Titel, obwohl die Hierarchien längst bedeutungslos geworden waren –,
„glauben Sie, dass sie uns wirklich nichts tun werden?“
Ihre Stimme war klein, kindlich fast, und Margarete spürte einen Stich im Herzen.
„Ich weiß es nicht, Anna“,
antwortete Margarete ehrlich.
„Aber vielleicht hätten wir nicht alles glauben sollen, was man uns erzählt hat. Vielleicht sind nicht alle so, wie die Propaganda es gesagt hat.“
Die Worte fühlten sich gefährlich an, ketzerisch fast, aber Margarete konnte nicht länger leugnen, was sie mit eigenen Augen sah.
Der Marsch zum Gefangenenlager dauerte fast drei Stunden, aber er war anders als alles, was Margarete erwartet hatte. Die amerikanischen Soldaten gingen in gemäßigtem Tempo, machten alle dreißig Minuten eine kurze Rast, und als eine der älteren Frauen, Gertrud Meer, eine 42-jährige Köchin aus einer Wehrmachtsküche bei Dresden, zu hinken begann, weil ihre Schuhe Blasen verursachten, ließ Captain Miller die gesamte Gruppe anhalten. Einer seiner Sanitäter, ein schmaler junger Mann namens Corporal Jenkins, behandelte ihre Füße mit Verbandmaterial und gab ihr ein paar bessere Stiefel aus den Vorräten.
Die Sonne sank langsam hinter den zerstörten Häusern am Horizont, tauchte die verwüstete Landschaft in ein eigenartig schönes, goldenes Licht, das einen seltsamen Kontrast zu den verbrannten Panzern und eingestürzten Scheunen bildete. Margarete ging schweigend. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstblätter im Wind. Sie dachte an die letzten sechs Jahre, an alles, was man ihnen erzählt hatte, an die Feindbilder, die ihnen eingehämmert worden waren. Die Amerikaner waren Barbaren, hatte es geheißen, kulturlose Gangster, die nur darauf warteten, Europa zu plündern und zu schänden. Und die Sowjets waren noch schlimmer. Asiatische Horden, Untermenschen, so hatte die Propaganda sie genannt.
Aber der Mann, der vor ihnen her marschierte, dieser Captain Miller mit dem müden Gesicht und den ruhigen Befehlen, entsprach keinem dieser Bilder. Er war einfach ein Soldat, erschöpft vom Krieg, der seinen Auftrag erfüllte, aber dabei versuchte, anständig zu bleiben. Margarete fragte sich, ob er auch eine Familie hatte, die irgendwo in Amerika auf ihn wartete, ob er auch Angst gehabt hatte, ob er auch Dinge getan hatte, die ihm nachts den Schlaf raubten.
Das Gefangenenlager, als sie es erreichten, war ein provisorisches Konstrukt. Mehrere große Zelte, umgeben von Stacheldraht, bewacht von amerikanischen Soldaten. Es lag auf einem ehemaligen Bauernhof, dessen Hauptgebäude halb zerstört war. Aber es gab Ordnung hier. Eine gewisse Organisation, die Margarete überraschte. Vor dem Eingang stand ein Tisch, an dem zwei Soldaten saßen und jeden Gefangenen registrierten. Namen, Geburtsdatum, letzte Einheit, Rang. Als Margarete an der Reihe war, fragte der Soldat sie auf gebrochenem Deutsch:
„Name!“
Sie antwortete mit fester Stimme, obwohl ihr Herz noch immer schneller schlug als normal. Der Soldat, ein älterer Mann mit grauem Haar an den Schläfen, schrieb alles sorgfältig in ein dickes Buch.
„Beruf vor dem Krieg?“
fragte er dann.
„Krankenschwester“,
antwortete Margarete. Der Soldat sah auf, musterte sie einen Moment lang und nickte dann.
„Gut, wir können hier medizinische Hilfe gebrauchen. Viele Kranke.“
Er machte eine Notiz neben ihrem Namen und winkte sie dann durch. Das Innere des Lagers war chaotisch, aber nicht brutal. Überall saßen oder lagen deutsche Gefangene, Männer und Frauen, getrennt in verschiedenen Bereichen. Die meisten sahen aus wie Margarete und ihre Gruppe: erschöpft, schmutzig, desorientiert. Aber sie wurden nicht geschlagen, nicht misshandelt. Sie bekamen zu essen, dünne Suppe, hartes Brot, aber es war Essen. Es gab Wasser zum Trinken. Es gab Latrinen, primitiv, aber funktional.
Margarete und die anderen Frauen wurden in ein Zelt geführt, wo bereits etwa 30 andere weibliche Gefangene untergebracht waren. Strohsäcke dienten als Matratzen, dünne Decken als Wärmeschutz gegen die kühle Nacht. Es war nicht komfortabel, aber es war auch nicht die Hölle, die sie befürchtet hatten.
Eine der Frauen, die schon länger hier war, Marianne Wolf, eine ehemalige Telefonistin aus Berlin, Ende 30, mit kurz geschnittenem, dunklem Haar, kam auf sie zu und begrüßte sie mit einem müden Lächeln.
„Neu hier?“
fragte sie, obwohl die Antwort offensichtlich war.
„Macht euch einen Platz. Es ist eng, aber wir teilen, was wir haben.“
Sie sprach mit einem berlinerischen Akzent, der Margarete seltsam heimatlich vorkam, obwohl sie selbst aus Bayern stammte.
„Die Amerikaner sind anders als erwartet“,
fügte Marianne leise hinzu, als ob sie sich nicht sicher war, ob sie diese Worte laut aussprechen durfte.
„Ja“,
sagte Margarete einfach.
„Anders.“
Die Nacht war kühl, und trotz der Decken fror Margarete, aber es war eine Kälte, mit der man leben konnte. Sie lag auf ihrem Strohsack, starrte auf das Zeltdach über ihr und hörte den leisen Geräuschen der anderen Frauen zu. Atmen, gelegentliches Husten, unterdrücktes Weinen. Neben ihr lag Anna Bergmann, zusammengerollt wie ein Kind, ihre Hände unter dem Kopf.
„Schwester Margarete“,
flüsterte sie in die Dunkelheit.
„Ja, Anna?“
„Warum haben sie uns geholfen? Mit den Hosen, meine ich, mit der Kleidung. Sie hätten uns auch einfach… Sie hätten alles mit uns machen können.“
Die Frage hing in der Luft, schwer und voller Bedeutung. Margarete dachte lange nach, bevor sie antwortete.
„Vielleicht“,
sagte sie schließlich,
„weil nicht jeder Mensch böse ist, nur weil er auf der anderen Seite steht. Vielleicht haben auch sie genug vom Krieg, genug vom Töten und vom Hass.“
Die Worte fühlten sich merkwürdig an in ihrem Mund, fast gefährlich, als ob sie damit alles infrage stellte, woran sie geglaubt hatte.
Am nächsten Morgen, als die Sonne kaum über dem Horizont stand und die Luft noch feucht war vom nächtlichen Tau, wurde Margarete von einem amerikanischen Sanitäter geweckt. Es war derselbe Corporal Jenkins, der gestern Gertrud Meers Füße verbunden hatte.
„Kommen Sie mit“,
sagte er auf Englisch und machte eine Geste, die keiner Übersetzung bedurfte. Margarete folgte ihm. Ihr Herz schlug schneller. Die alte Angst kehrte zurück. Was wollten sie von ihr?
Sie führten sie zu einem kleineren Zelt am Rand des Lagers. Drinnen roch es nach Desinfektionsmittel und Krankheit. Ein vertrauter Geruch für Margarete, der Geruch von Lazaretten und Krankenstationen. Auf provisorischen Pritschen lagen deutsche Soldaten, manche mit Verbänden, manche mit Fieber, alle in unterschiedlichem Zustand der Erschöpfung und Krankheit. Ein amerikanischer Arzt, Major Thompson, ein Mann um die 50 mit grauen Haaren und tiefen Falten um die Augen, sah auf, als sie eintrat.
„Sie sind Krankenschwester?“
fragte er auf passablem Deutsch. Margarete nickte.
„Gut“,
sagte er einfach.
„Ich brauche Hilfe. Zu viele Kranke, zu wenig Personal. Sie helfen mir. Ich gebe Ihnen extra Rationen. Einverstanden?“
Es war weniger eine Frage als eine Feststellung, aber in seiner Stimme lag keine Bedrohung, nur praktische Notwendigkeit. So begann Margarete Hochstädters neues Leben als Kriegsgefangene: nicht mit Demütigung und Gewalt, sondern mit Arbeit und einer seltsamen Form des Respekts. Sie versorgte Wunden, wechselte Verbände, half bei der Verteilung von Medikamenten. Major Thompson behandelte sie nicht wie eine Feindin, sondern wie eine Kollegin, fragte sie nach ihrer Meinung bei schwierigen Fällen, hörte auf ihre Einschätzungen. Es war surreal, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der vor wenigen Tagen noch auf der anderen Seite einer unsichtbaren Linie gestanden hatte.
Es war am vierten Tag ihrer Gefangenschaft, als Margarete etwas erlebte, das sie niemals vergessen würde. Sie war gerade dabei, einem jungen deutschen Soldaten, kaum 18 Jahre alt, mit einer infizierten Wunde am Bein frisches Verbandmaterial anzulegen, als Major Thompson sie zu sich rief. In seiner Stimme lag eine Spannung, die sie vorher nicht gehört hatte.
„Frau Hochstädter“,
sagte er – die Tatsache, dass er sie mit ihrem Namen ansprach und nicht einfach nur „Schwester“ oder „Sie da“, ließ sie aufhorchen.
„Ich habe ein Problem, ein großes Problem.“
Er führte sie zu einer separaten Ecke des Krankenzeltes, wo hinter einem improvisierten Vorhang aus alten Decken eine Pritsche stand. Darauf lag eine Frau, Ende 20 vielleicht, mit dunklem Haar, das schweißnass an ihrer Stirn klebte. Ihr Gesicht war blass, ihre Lippen blau verfärbt und sie atmete flach und unregelmäßig.
„Lungenentzündung“,
sagte Thompson knapp.
„Fortgeschritten. Sie braucht Penicillin, aber unsere Vorräte sind fast aufgebraucht. Ich habe nur noch zwei Dosen und ich habe bereits drei andere kritische Fälle, zwei amerikanische Soldaten und einen britischen Offizier.“
Er machte eine Pause, rieb sich müde das Gesicht.
„Nach militärischen Vorschriften muss ich meine eigenen Leute zuerst behandeln. Verstehen Sie?“
Margarete verstand. Sie verstand nur zu gut. Es war die alte Regel des Krieges. Die eigenen Soldaten hatten Priorität, immer. Feinde kamen danach, wenn überhaupt. Sie blickte auf die kranke Frau hinab und fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Wie lange hat sie noch?“
fragte sie leise.
„Ohne Behandlung? Vielleicht zwei Tage, höchstens drei.“
Thompson klang gequält.
„Ich bin Arzt. Ich habe geschworen zu heilen. Aber ich bin auch Offizier und ich habe Befehle.“
Er sah Margarete direkt in die Augen.
„Sagen Sie mir ehrlich, wenn die Situation umgekehrt wäre, wenn Sie das Medikament hätten und deutsche Soldaten dagegen diese Frau… was würde ein deutscher Arzt tun?“
Die Frage traf Margarete wie ein Schlag. Sie dachte an die Lazarette, in denen sie gearbeitet hatte, an die unausgesprochenen Regeln, an die Prioritäten, die gesetzt wurden. Deutsche zuerst, immer. Kriegsgefangene bekamen nur das Nötigste, wenn überhaupt. Sie dachte an Fälle, wo Medikamente knapp waren und Entscheidungen getroffen werden mussten. Und die Entscheidung fiel immer zugunsten der eigenen Soldaten aus.
„Ich weiß nicht“,
sagte sie schließlich, aber sie wusste, dass es eine Lüge war. Thompson nickte langsam, als ob er ihre unausgesprochene Antwort verstanden hätte.
„Ich auch nicht“,
sagte er leise in ihrem Schweigen.
„Aber ich weiß, was ich tun werde.“
Er ging zu seinem medizinischen Vorratskasten, nahm eine der kostbaren Penicillinampullen heraus und kam zurück.
„Helfen Sie mir“,
sagte er einfach.
Gemeinsam verabreichten sie der kranken Frau das Antibiotikum. Margarete hielt ihren Arm ruhig, während Thompson die Spritze setzte. Die Frau öffnete kurz die Augen, murmelte etwas Unverständliches auf Russisch und in diesem Moment erkannte Margarete es. Sie war keine Deutsche. Sie war eine sowjetische Kriegsgefangene, wahrscheinlich eine Zwangsarbeiterin oder eine Soldatin, die in deutsche Gefangenschaft geraten und dann von den Amerikanern befreit worden war.
„Sie behandeln eine Russin?“
fragte Margarete ungläubig.
„Aber ihre eigenen Soldaten…?“
Sie konnte den Satz nicht beenden. Zu groß war ihre Verwirrung. Thompson sah sie müde an.
„Meine eigenen Soldaten werden überleben. Ihre Verletzungen sind nicht lebensbedrohlich. Diese Frau hier, sie stirbt, wenn ich nichts tue.“
Er machte eine Pause.
„Ich bin in diesen Krieg gezogen, weil mir gesagt wurde, dass wir die Zivilisation verteidigen müssen gegen die Barbarei. Wenn ich jetzt diese Frau sterben lasse, nur weil sie die falsche Uniform getragen hat – oder weil sie überhaupt keine Uniform getragen hat –, dann bin ich nicht besser als das, wogegen wir gekämpft haben.“
Die Worte hallten in Margaretes Kopf wider, lange nachdem sie das Krankenzelt verlassen hatte. Sie ging mechanisch ihren Aufgaben nach, wechselte Verbände, verteilte Wasser, aber ihre Gedanken waren woanders. Sie dachte an all die Male, wo sie selbst solche Entscheidungen hatte treffen müssen – oder besser gesagt, wo die Entscheidungen für sie getroffen worden waren. An die russischen Kriegsgefangenen, die in den Lazaretten, in denen sie gearbeitet hatte, kaum Behandlung bekommen hatten. An die polnischen Zwangsarbeiter, die mit schweren Verletzungen abgewiesen wurden, weil kein Platz war. Sie hatte es damals hingenommen, nicht hinterfragt. Es war Krieg, hatte sie sich gesagt. Man konnte nicht jeden retten. Prioritäten mussten gesetzt werden.
Aber jetzt, hier in diesem amerikanischen Gefangenenlager, wo ein feindlicher Arzt eine feindliche Patientin behandelte auf Kosten seiner eigenen Ressourcen, jetzt begann sie zu verstehen, wie dünn die Linie war zwischen Notwendigkeit und Unmenschlichkeit.
Am Abend, als sie zu ihrem Zelt zurückkehrte, fand sie die anderen Frauen in aufgeregter Diskussion. Marianne Wolf, die Berlinerin, saß in der Mitte einer kleinen Gruppe und erzählte von einem Gerücht, das durch das Lager ging.
„Sie sagen, die Amerikaner öffnen bald die Archive“,
erklärte sie mit gedämpfter Stimme.
„Die Lager im Osten, was dort passiert ist.“
Sie machte eine bedeutsame Pause.
„Buchenwald, Dachau… diese Orte, von denen wir gehört haben, aber nie… nie wirklich wussten.“
„Propaganda“,
sagte eine andere Frau, Ilse Koch, eine ehemalige Sekretärin aus München.
„Feindpropaganda, um uns zu demoralisieren. Das haben sie uns doch immer gesagt.“
Aber ihre Stimme klang unsicher, als ob sie selbst nicht mehr daran glaubte.
„Vielleicht“,
sagte Marianne leise,
„aber vielleicht auch nicht. Ich hatte einen Cousin, der bei der SS war. Er hat einmal, als er betrunken war, Dinge erzählt…“
Sie verstummte, schüttelte den Kopf.
„Ich wollte es nicht glauben. Ich habe es nicht geglaubt.“
Margarete setzte sich auf ihren Strohsack und schwieg. Sie dachte an Thompson, an seine Worte über Zivilisation und Barberei. Sie dachte an die russische Frau, die jetzt dank Penicillin vielleicht überleben würde. Sie dachte an all die Dinge, die sie in den letzten Jahren gesehen, gehört, ignoriert hatte. Und sie fragte sich zum ersten Mal wirklich ernsthaft, auf welcher Seite sie eigentlich gestanden hatte. Anna Bergmann kam zu ihr, setzte sich neben sie.
„Schwester Margarete“,
flüsterte sie.
„Haben Sie gewusst? Ich meine, von den Lagern… Haben Sie…?“
Ihre Stimme brach ab, als ob sie Angst hätte, die Frage zu Ende zu stellen.
„Nein“,
antwortete Margarete und dann ehrlicher:
„Ich weiß nicht. Ich habe Dinge gehört, Gerüchte, Andeutungen, aber ich habe nicht… ich wollte nicht…“
Sie konnte den Satz nicht beenden. Was hatte sie gewollt? Nicht sehen, nicht wissen, nicht verantwortlich sein. Die Nacht war lang und schlaflos für viele im Zelt. Margarete lag wach, starrte in die Dunkelheit und zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich wirklich nachzudenken. Nicht als Soldatin, nicht als Deutsche, sondern einfach als Mensch.
Drei Wochen waren vergangen seit ihrer Gefangennahme. Die russische Frau, ihr Name war Katja, wie Margarete inzwischen erfahren hatte, hatte überlebt. Sie erholte sich langsam, konnte wieder aufstehen, sogar ein paar Schritte gehen. Jeden Morgen, wenn Margarete ihre Runde durch das Krankenzelt machte, nickte Katja ihr zu. Ein stummes Dankeschön, das keine gemeinsame Sprache brauchte.
Das Lager hatte sich verändert in diesen Wochen. Die anfängliche Panik war einer Art stumpfer Routine gewichen. Die Gefangenen arbeiteten, aßen, schliefen. Die amerikanischen Wachen blieben distanziert, aber nicht brutal. Es gab Regeln, die befolgt werden mussten, aber keine willkürliche Grausamkeit. Manche der jüngeren Soldaten versuchten sogar mit den deutschen Frauen zu sprechen, brachten zusätzliches Essen vorbei, Zigaretten manchmal, obwohl das technisch gegen die Vorschriften war.
An einem grauen Vormittag Anfang Juni – der Himmel hing tief und schwer, als ob er die Last der Geschichte nicht mehr tragen konnte – wurden alle Gefangenen im Lager zu einer Versammlung gerufen. Margarete spürte sofort, dass etwas anders war. Die Gesichter der amerikanischen Offiziere waren ernst, verschlossen. Captain Miller stand auf einer improvisierten Erhöhung. Neben ihm ein Projektor – ein seltener Anblick in diesem provisorischen Lager.
„Wir werden Ihnen heute etwas zeigen“,
sagte Miller auf Deutsch. Seine Stimme klang müde und alt, obwohl er kaum 40 sein konnte.
„Bilder, Aufnahmen von Orten in Deutschland, von Lagern, die unsere Truppen befreit haben.“
Er machte eine Pause und in dieser Stille lag etwas Schreckliches, etwas Unheilverkündendes.
„Manche von Ihnen werden sagen, das ist Propaganda, Lügen, gefälschte Bilder. Deshalb zeigen wir Ihnen auch Dokumente. Originaldokumente, die wir in diesen Lagern gefunden haben. Mit deutschen Stempeln, deutschen Unterschriften.“
Das erste Bild erschien auf der weißen Leinwand, die zwischen zwei Pfosten gespannt war. Margarete sah es und fühlte, wie sich ihr Magen umdrehte. Leichen. Berge von Leichen, so dünn, dass man jeden Knochen sehen konnte, aufgestapelt wie Brennholz. Sie wollte wegsehen, konnte aber nicht. Neben ihr hörte sie jemanden würgen, jemand anderen leise weinen.
„Buchenwald“,
sagte Miller tonlos.
„Befreit am 11. April 1945. 21.000 Gefangene noch am Leben, die meisten halb verhungert. Über 50.000 sind dort gestorben. Erschossen, verhungert, zu Tode gearbeitet.“
Das nächste Bild zeigte die Überlebenden. Lebende Skelette mit hohlen Augen, die in die Kamera starrten. Menschen, die kaum noch wie Menschen aussahen, so sehr hatte der Hunger sie entstellt. Margarete kannte diese Blicke. Sie hatte sie gesehen bei Patienten, die kurz vor dem Tod standen; diesen leeren, hoffnungslosen Blick von jemandem, der schon halb nicht mehr in dieser Welt war.
„Das sind Lügen!“
rief plötzlich jemand aus der Menge der Gefangenen. Es war ein älterer Mann, ein ehemaliger Unteroffizier.
„Feindpropaganda! Die Juden haben das selbst inszeniert!“
Aber seine Stimme klang verzweifelt, nicht überzeugt, als ob er selbst nicht mehr daran glaubte, was er sagte. Miller ließ sich nicht beirren. Er zeigte weitere Bilder. Dachau, Bergen-Belsen. Namen, die Margarete gehört hatte, aber nur als ferne Orte, bedeutungslos. Jetzt bekamen diese Namen Gesichter, Körper, Realität. Er zeigte Dokumente, Transportlisten mit Tausenden von Namen, Befehle mit offiziellen Stempeln, Berichte über „Sonderbehandlung“ und „Evakuierung“ – Worte, die etwas ganz anderes bedeuteten als das, was sie vorgaben zu sein.
Anna Bergmann saß neben Margarete. Ihr ganzer Körper zitterte.
„Das kann nicht sein“,
flüsterte sie immer wieder.
„Das kann nicht sein. Wir hätten es gewusst. Jemand hätte es gewusst.“
Aber ihre Stimme wurde mit jedem Bild leiser, unsicherer. Margarete selbst saß wie erstarrt. Sie dachte an all die Jahre zurück, an die Gerüchte, die Andeutungen, die Witze sogar, die gemacht wurden über Lager und Juden und was mit ihnen geschah. Sie dachte an die Züge, die sie manchmal gesehen hatte, vollgepackt mit Menschen, die durch Ritzen in den Viehwaggons nach draußen starrten. Sie hatte weggesehen. Jeder hatte weggesehen. Es ging einen nichts an, hatte man sich gesagt. Es war Krieg. Menschen wurden umgesiedelt. Das war normal. Normale Menschen taten normale Dinge. Und wenn manchmal etwas nicht ganz normal schien, dann fragte man nicht nach.
Ein weiteres Bild erschien. Kinder diesmal. Kleine Kinder mit tätowierten Nummern auf den Armen, ihre Augen alt und leer in ihren jungen Gesichtern. Eines der Mädchen konnte nicht älter als sechs sein, so alt wie Margaretes Nichte gewesen war, bevor ein Bombenangriff auf Würzburg… Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken.
„Viele von Ihnen“,
sagte Miller, und seine Stimme war jetzt nicht mehr neutral, sondern voller unterdrückter Wut,
„werden sagen: ‚Ich habe nichts gewusst. Ich war nur ein kleines Rädchen. Ich habe nur Befehle befolgt.‘ Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht haben Sie wirklich nichts gewusst.“
Er machte eine Pause, ließ seinen Blick über die Menge schweifen.
„Aber jetzt wissen Sie es. Jetzt können Sie nicht mehr sagen, Sie hätten es nicht gewusst. Und wenn Sie nach Hause gehen, wenn dieser Krieg wirklich vorbei ist, dann müssen Sie sich entscheiden, was Sie mit diesem Wissen tun.“
Die Vorführung dauerte fast zwei Stunden. Als sie endlich vorbei war, herrschte im Lager eine bedrückende Stille. Niemand sprach, manche weinten leise. Andere saßen nur da, starrten ins Leere. Wieder andere diskutierten hitzig, versuchten verzweifelt Erklärungen zu finden, Ausreden, irgendetwas, das diese Bilder weniger real machen würde. Margarete ging zurück zu ihrem Zelt. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei. Sie legte sich auf ihren Strohsack, starrte auf das Zeltdach und zum ersten Mal seit langer Zeit weinte sie. Nicht leise, nicht zurückhaltend, sondern mit tiefen, würgenden Schluchzern, die aus einem Ort in ihr kamen, von dem sie nicht gewusst hatte, dass er existierte.
Sie weinte für die toten Kinder, für die Leichenberge, für alles, was geschehen war in diesen Jahren. Und sie weinte für sich selbst, für ihre Unschuld, die sie nie wirklich gehabt hatte, für die Bequemlichkeit des Nicht-wissen-Wollens. Helga Schmidt kam zu ihr, setzte sich neben sie, sagte nichts, legte nur eine Hand auf Margaretes Schulter. Sie weinte ebenfalls. Nach einer Weile gesellten sich andere zu ihnen. Anna, Marianne, Gertrud. Sie saßen zusammen in diesem Zelt, diese Frauen, die auf der falschen Seite der Geschichte gestanden hatten, und weinten gemeinsam für eine Welt, die zerbrochen war und vielleicht nie wieder ganz werden würde.
Es war Ende August 1945, als die ersten Entlassungen aus dem Lager begannen. Der Sommer war heiß gewesen, drückend, und die Nachrichten von draußen sprachen von einem zerstörten Deutschland, geteilt in Besatzungszonen, von Millionen Flüchtlingen, die durch die Trümmer zogen auf der Suche nach Überlebenden, nach Zuhause, nach irgendetwas, das noch Bestand hatte. Margarete hatte in diesen Monaten weiter im Krankenzelt gearbeitet. Die russische Frau, Katja, war längst gesund und in ein anderes Lager für verschleppte Personen verlegt worden. Aber bevor sie ging, hatte sie Margarete umarmt, fest und lange. Und in dieser Umarmung lag mehr als nur Dankbarkeit. Es lag Vergebung darin, oder vielleicht der Beginn von etwas, das eines Tages Vergebung werden könnte.
Major Thompson hatte Margarete bei ihrer Arbeit beobachtet. Wie sie sich um deutsche und nichtdeutsche Patienten gleichermaßen kümmerte, wie sie junge russische Zwangsarbeiter versorgte, die an Tuberkulose litten, wie sie polnischen Frauen half, die von ihrer Zeit in deutschen Fabriken gezeichnet waren. Eines Tages, es war Anfang August gewesen, hatte er sie beiseite genommen.
„Frau Hochstädter“,
hatte er gesagt,
„ich schreibe einen Bericht über Sie für die Entlassungskommission. Ich werde empfehlen, dass Sie früh entlassen werden.“
Er hatte eine Pause gemacht.
„Sie haben hier gute Arbeit geleistet. Mehr als das. Sie haben verstanden. Nicht alle verstehen. Manche wollen nicht verstehen. Aber Sie haben sich verändert. Das sehe ich.“
Margarete hatte nicht gewusst, was sie darauf antworten sollte. Hatte sie sich wirklich verändert oder hatte sie nur endlich aufgehört wegzusehen? War das dasselbe? Jetzt, Ende August, stand ihr Name auf der Liste. Sie würde entlassen werden, durfte zurück nach Würzburg, soweit es Würzburg noch gab. Die Nachricht erfüllte sie mit gemischten Gefühlen: Erleichterung, aber auch Angst. Angst vor dem, was sie zu Hause erwarten würde, Angst vor den Fragen, die ihr gestellt werden würden, Angst vor sich selbst und den Antworten, die sie geben müsste.
Am Morgen ihrer Entlassung stand sie früh auf, noch bevor die Sonne über dem Horizont erschien. Sie ging ein letztes Mal zum Krankenzelt, wo Major Thompson bereits bei der Arbeit war. Er sah auf, als sie eintrat, und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Der große Tag“,
sagte er auf Deutsch – sein Deutsch war in den letzten Monaten viel besser geworden.
„Bereit für die Freiheit?“
„Ich weiß nicht“,
antwortete Margarete ehrlich.
„Ist irgendjemand bereit für das, was jetzt kommt?“
Thompson nickte langsam. Er holte etwas aus seiner Tasche, ein Stück Papier, sorgfältig gefaltet.
„Ihr Entlassungspapier“,
sagte er,
„aber auch noch etwas anderes.“
Er reichte ihr einen zweiten Brief.
„Ein Empfehlungsschreiben, auf Deutsch und Englisch, falls Sie wieder als Krankenschwester arbeiten wollen. Es bescheinigt Ihre Arbeit hier, Ihre Menschlichkeit.“
Er sprach das letzte Wort mit besonderem Nachdruck aus. Margarete nahm die Papiere entgegen, ihre Hände zitterten leicht.
„Warum tun Sie das?“
fragte sie.
„Nach allem, was geschehen ist… nach allem, was wir… was Deutschland…“
Sie konnte den Satz nicht beenden.
„Weil“,
sagte Thompson langsam und wählte seine Worte sorgfältig,
„wenn wir nach diesem Krieg eine Zukunft haben wollen, dann brauchen wir Menschen wie Sie. Menschen, die bereit sind zu sehen, zu verstehen, sich zu verändern. Nicht alle Deutschen sind Monster, das weiß ich jetzt. Genauso wenig wie alle Amerikaner Heilige sind.“
Er lächelte traurig.
„Wir sind alle nur Menschen. Manche bessere, manche schlechtere, aber alle mit der Fähigkeit zu wählen.“
Draußen vor dem Lagertor warteten bereits die anderen Entlassenen. Anna Bergmann war auch dabei, ebenso wie Helga Schmidt und Marianne Wolf. Sie hatten alle ein kleines Bündel mit Kleidung und Lebensmitteln bekommen. Nicht viel, aber genug für die ersten Tage. Captain Miller stand am Tor, kontrollierte die Papiere ein letztes Mal. Als Margarete an der Reihe war, sah er sie lange an.
„Frau Hochstädter“,
sagte er dann,
„ich hoffe, Sie finden Ihren Weg. Ich hoffe, wir alle finden unseren Weg.“
Es war keine Floskel, keine leere Phrase. Es klang wie ein Gebet.
„Ich hoffe es auch“,
antwortete Margarete.
Dann, nach kurzem Zögern, streckte sie ihm die Hand entgegen. Miller zögerte nur einen Moment, dann ergriff er sie. Ein fester Händedruck, kurz, aber bedeutungsvoll. Der Händedruck zwischen zwei Menschen, die auf verschiedenen Seiten eines schrecklichen Krieges gestanden hatten und nun versuchten, einen Weg zurück zur Menschlichkeit zu finden.
Die kleine Gruppe ehemaliger Gefangener machte sich auf den Weg. Sie gingen schweigend die erste Stunde, jede verloren in ihren eigenen Gedanken. Die Straße war gesäumt von Ruinen, von verbrannten Panzern, von verlassenen Geschützen. Deutschland lag in Trümmern, nicht nur die Gebäude, sondern auch die Seelen seiner Menschen. Nach einer Weile begann Anna zu sprechen.
„Was werden wir sagen, wenn sie uns fragen?“
Ihre Stimme war leise, fast kindlich.
„Wenn sie fragen, wie es war… was werden wir erzählen?“
Margarete dachte lange nach, bevor sie antwortete. Sie dachte an Captain Miller und Major Thompson, an die Hosen, die sie bekommen hatten, als sie die Demütigung erwartet hatten, an das Penicillin für Katja, an die Bilder von Buchenwald und Dachau, an all das, was sie gelernt hatte in diesen Monaten der Gefangenschaft: über ihre Feinde, über ihr Land, über sich selbst.
„Wir werden die Wahrheit sagen“,
sagte sie schließlich.
„Die ganze Wahrheit, auch wenn sie schwer ist. Gerade weil sie schwer ist.“
Sie machte eine Pause, sah in die Gesichter der anderen Frauen.
„Wir werden erzählen, dass wir Feinde waren, aber dass diese Feinde uns mit mehr Anstand behandelt haben, als wir es verdient hatten. Dass sie uns Menschlichkeit gezeigt haben, wo wir Grausamkeit erwartet hatten. Und wir werden erzählen von den Lagern, von dem, was in unserem Namen geschehen ist, auch wenn wir nicht hingesehen haben.“
„Aber werden sie uns glauben?“
fragte Helga.
„Werden sie uns überhaupt zuhören wollen?“
„Vielleicht nicht alle“,
antwortete Margarete.
„Vielleicht nicht sofort. Aber wir müssen es trotzdem erzählen, immer wieder, bis es gehört wird, bis es verstanden wird.“
Sie blickte zurück zum Lager, das nun in der Ferne lag, kaum noch zu sehen.
„Das sind wir ihnen schuldig. Thompson, Miller, all den anderen. Das sind wir den Toten schuldig. Und das sind wir uns selbst schuldig.“
Die Sonne stand jetzt höher am Himmel, warf lange Schatten auf die zerstörte Straße. Die kleine Gruppe setzte ihren Weg fort, Schritt für Schritt, zurück in eine ungewisse Zukunft. Sie trugen keine Uniformen mehr, keine Abzeichen, keine Symbole der Zugehörigkeit. Sie waren nur noch Menschen, gezeichnet von einem Krieg, der zu viele Leben gekostet und zu viele Seelen beschädigt hatte. Aber sie trugen auch etwas anderes mit sich. Eine Erkenntnis, die vielleicht der Anfang von etwas Neuem sein konnte. Die Erkenntnis, dass selbst in den dunkelsten Zeiten, selbst zwischen Feinden Menschlichkeit möglich war. Dass Anstand keine Frage der Nationalität war, sondern eine Frage der Wahl. Und dass Vergebung, so schwer sie auch sein mochte, der einzige Weg war, um aus den Trümmern eine Zukunft aufzubauen.
Margarete Hochstädter kehrte nach Würzburg zurück, fand ihre Stadt in Trümmern, ihre Familie tot oder verschollen. Sie arbeitete wieder als Krankenschwester, zuerst in provisorischen Lazaretten, später in wieder aufgebauten Krankenhäusern. Sie erzählte ihre Geschichte immer wieder, jedem, der bereit war zuzuhören. Manche glaubten ihr, manche nicht. Aber sie hörte nie auf zu erzählen.
Im Jahr 1980, als eine junge Historikerin sie für ein Projekt über Kriegsgefangene interviewte, sagte die alte Frau, die Margarete inzwischen war, etwas, das in dem Buch erschien, das später daraus entstand:
„Sie zwangen uns, die Hosen auszuziehen, und wir dachten, jetzt kommt die Hölle. Stattdessen gaben sie uns neue Hosen und zeigten uns, was die wahre Hölle war – das, was in unserem eigenen Namen geschehen war. Manchmal ist Güte die härteste Strafe, weil sie uns zwingt, in den Spiegel zu sehen.“
Die Geschichte endete nicht mit einem glücklichen Ende, denn solche Geschichten haben keine glücklichen Enden. Aber sie endete mit der Hoffnung, dass Menschen lernen können, dass Feinde zu Respekt finden können und dass selbst in den dunkelsten Kapiteln der Geschichte kleine Lichter der Menschlichkeit leuchten, wenn man bereit ist, sie zu sehen.


