Warschau, 27. September 1944: Zwischen Kanälen, Kapitulation und einem vergessenen Massaker.H
Am 27. September 1944 befand sich Warschau im letzten, düstersten Kapitel des Warschauer Aufstands. Seit fast zwei Monaten kämpfte die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) gegen die deutsche Besatzungsmacht. Die Stadt lag in Trümmern. Ganze Straßenzüge waren zerstört, die Zivilbevölkerung dezimiert, die Vorräte erschöpft. In den Ruinen und unterirdischen Kanälen versuchten die letzten Widerstandskämpfer zu überleben.

Das bekannte Foto aus diesem Tag zeigt einen Soldaten der Heimatarmee, der von deutschen Soldaten aus einem Abwasserkanal gezerrt wird. Sein Gesicht ist angespannt, sein Körper geschwächt. Er steht stellvertretend für Hunderte Männer, die sich in den letzten Tagen des Aufstands in den Kanälen Warschaus versteckten oder versuchten, über dieses unterirdische Labyrinth ihre Stellungen zu wechseln. Die Kanalisation war für viele Kämpfer der einzige Weg, sich der völligen Einkesselung zu entziehen.
Der 27. September war besonders tragisch. An der Dworkowa-Straße kam es an diesem Tag zu einem Massaker. Schätzungen zufolge wurden etwa 140 Angehörige der Heimatarmee getötet. Viele von ihnen hatten gehofft, sich geordnet zu ergeben oder zumindest als Kriegsgefangene behandelt zu werden. Stattdessen endete ihr Weg in Erschießungen, die später kaum dokumentiert wurden und lange im Schatten der größeren Ereignisse des Aufstands standen.
Zu diesem Zeitpunkt liefen bereits Verhandlungen über die Kapitulation der Heimatarmee. Die militärische Lage war aussichtslos. Die deutschen Einheiten kontrollierten systematisch die verbliebenen Widerstandsnester. Am 2. Oktober 1944 unterzeichnete die AK schließlich die Kapitulation. Die ausgehandelten Bedingungen sahen vor, dass die Kämpfer als reguläre Kriegsgefangene behandelt würden – ein entscheidender Punkt, der vielen das Leben rettete.
Die Mehrheit der AK-Soldaten, die diese Kapitulationsbedingungen akzeptierten, überlebte den Krieg. Sie wurden in deutsche Kriegsgefangenenlager gebracht und kehrten nach Kriegsende nach Polen zurück. Für sie bedeutete die Niederlage zwar das Ende des bewaffneten Widerstands, aber nicht den Tod.
Doch nicht alle wählten diesen Weg. Einige Kämpfer versuchten, sich in Richtung der sowjetischen Linien abzusetzen. Die Rote Armee stand bereits am Ostufer der Weichsel, griff jedoch nicht in den Aufstand ein. Für manche erschien der Weg zu den Sowjets als letzte Hoffnung. Diese Entscheidung erwies sich für viele als fatal.
Zahlreiche Angehörige der Heimatarmee, die in sowjetische Hände fielen, wurden vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhört. Die AK galt aus sowjetischer Sicht nicht als Verbündeter, sondern als politische Bedrohung, da sie der polnischen Exilregierung in London unterstand. Viele dieser Kämpfer wurden nach kurzen Verhören erschossen oder verschwanden in Lagern. Ihr Schicksal blieb jahrzehntelang verschwiegen oder wurde bewusst verfälscht.
Das Foto vom 27. September 1944 ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Es symbolisiert die ausweglose Lage der polnischen Widerstandskämpfer zwischen zwei totalitären Mächten. Auf der einen Seite die deutsche Besatzung, die den Aufstand brutal niederschlug und Warschau systematisch zerstörte. Auf der anderen Seite eine sowjetische Macht, die zwar als Befreier erschien, aber eigene politische Ziele verfolgte und keinen Platz für eine unabhängige polnische Widerstandsbewegung ließ.
Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde Warschau nahezu vollständig entvölkert. Rund 90 Prozent der Stadt wurden zerstört. Die verbliebenen Gebäude sprengten deutsche Einheiten systematisch. Als die Rote Armee im Januar 1945 schließlich in Warschau einmarschierte, fand sie keine lebendige Metropole vor, sondern eine Ruinenstadt ohne Bevölkerung.
Heute erinnert das Bild des aus den Kanälen gezerrten AK-Soldaten an die moralischen Grauzonen des Krieges. Es erzählt nicht nur von Mut und Widerstand, sondern auch von Verrat, politischen Interessen und den grausamen Konsequenzen falscher Hoffnungen. Es steht für eine Generation, die zwischen den Fronten zerrieben wurde – und deren Geschichte lange Zeit nur unvollständig erzählt wurde.
Die Erinnerung an den Warschauer Aufstand und an die Ereignisse vom 27. September 1944 bleibt bis heute ein zentraler Bestandteil der polnischen Geschichte. Sie mahnt, dass Krieg nicht nur aus Siegen und Niederlagen besteht, sondern vor allem aus menschlichen Schicksalen, die oft im Schatten der großen Erzählungen verloren gehen.




