Von der Tochter Heinrich Himmlers zur Symbolfigur eines ungebrochenen Nationalsozialismus

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs befreien Soldaten der 45. Infanteriedivision der Siebten US-Armee das Konzentrationslager Dachau – das erste dauerhaft betriebene Konzentrationslager des nationalsozialistischen Regimes. Die Befreier stoßen auf katastrophale Zustände: zehntausende ausgemergelte Überlebende, schwere Krankheiten und die Spuren systematischer Gewalt. Viele Häftlinge sterben noch Wochen oder Monate nach der Befreiung an den Folgen von Hunger und Seuchen.
Vier Jahre zuvor hatte ein junges Mädchen dieses Lager besucht. In ihrem Tagebuch schilderte sie den Besuch in auffallend distanzierter und verklärender Weise. Die Zeilen spiegeln nicht das Leid der Inhaftierten wider, sondern die Perspektive eines Kindes, das vollständig im Weltbild des Nationalsozialismus aufgewachsen war.
Dieses Mädchen war Gudrun Himmler – die Tochter von Heinrich Himmler, Reichsführer SS und einer der zentralen Organisatoren des nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungssystems.
Kindheit im Schatten der Macht
Gudrun Himmler wurde am 8. August 1929 in München geboren. Sie war das einzige leibliche Kind von Heinrich Himmler und seiner Ehefrau Margarete. Innerhalb der Familie wurde sie liebevoll „Püppi“ genannt. Ihre Kindheit verbrachte sie überwiegend bei ihrer Mutter am Tegernsee, während ihr Vater meist in Berlin tätig war.
Heinrich Himmler zeigte eine enge emotionale Bindung zu seiner Tochter. Er schrieb ihr regelmäßig Briefe, telefonierte häufig mit ihr und ließ sie gelegentlich zu offiziellen Anlässen einfliegen. Gudrun wiederum entwickelte eine starke Bewunderung für ihren Vater. In Tagebüchern und privaten Aufzeichnungen bezeichnete sie ihn als vorbildlich und äußerte Stolz auf seine Stellung im NS-Staat.
Im Umfeld des Regimes wurde sie informell als eine Art „Nazi-Prinzessin“ wahrgenommen. An Feiertagen begleitete sie ihren Vater nach München, wo sie Adolf Hitler persönlich begegnete. Diese Begegnungen verstärkten ihre Identifikation mit dem System zusätzlich.
Der Zusammenbruch des Regimes
Gegen Ende des Krieges erkannte Heinrich Himmler die aussichtslose Lage des Deutschen Reiches. Er versuchte, über inoffizielle Kanäle mit den Westalliierten Kontakt aufzunehmen – unter anderem mit dem Ziel, sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Diese Bemühungen scheiterten.
Nachdem Adolf Hitler von Himmlers Plänen erfahren hatte, entzog er ihm alle Ämter und ordnete seine Festnahme an. Himmler tauchte unter, wurde jedoch von britischen Truppen gefasst. Während einer Untersuchung nahm er eine Zyankalikapsel ein und starb. Dadurch entzog er sich einer juristischen Aufarbeitung seiner Verbrechen.
Nachkriegszeit und Verdrängung
Gudrun Himmler und ihre Mutter wurden nach Kriegsende interniert und durch mehrere Lager gebracht. Später mussten sie im Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen aussagen. Gudrun empfand diese Zeit rückblickend als zutiefst demütigend und sah sich selbst als Opfer der Umstände.
Zeit ihres Lebens bestritt sie die offizielle Darstellung des Todes ihres Vaters. Sie behauptete, er sei ermordet worden, und erklärte Beweise für manipuliert. Diese Haltung bildete die Grundlage ihrer späteren politischen Radikalisierung.
Radikalisierung und ideologische Kontinuität
Im Gegensatz zu vielen anderen Angehörigen führender Nationalsozialisten distanzierte sich Gudrun Himmler nie vom NS-Regime. Sie relativierte die Verbrechen ihres Vaters und verteidigte ihn öffentlich. In den folgenden Jahrzehnten bewegte sie sich zunehmend in rechtsextremen Kreisen.
Unter dem Namen Gudrun Burwitz engagierte sie sich in neonazistischen Netzwerken und unterstützte Organisationen, die ehemalige NS-Täter juristisch und finanziell begleiteten. Besonders aktiv war sie in der Organisation „Stille Hilfe“, die wegen ihrer Nähe zu verurteilten Kriegsverbrechern wiederholt in der Kritik stand.
Auf rechtsextremen Veranstaltungen galt sie als Symbolfigur. Beobachter beschrieben sie als eine der letzten Personen, die den Nationalsozialismus nicht nur historisch relativierten, sondern offen verteidigten.
Leben im Verborgenen
Gudrun Burwitz heiratete einen rechtsextremen Aktivisten und lebte jahrzehntelang unter anderem Namen. Selbst in ihrem privaten Umfeld war ihre Herkunft nicht immer bekannt. Zeitweise arbeitete sie als Sekretärin, unter anderem auch in staatlichen Strukturen der frühen Bundesrepublik, die damals noch zahlreiche ehemalige NS-Funktionäre beschäftigten.
Ein geplantes Buch über ihren Vater erschien nie. Dennoch blieb sie bis ins hohe Alter bemüht, dessen Bild in der Öffentlichkeit umzudeuten.
Tod und historische Einordnung
Gudrun Burwitz starb im hohen Alter. Ein Visumantrag für die Vereinigten Staaten wurde ihr zuvor verweigert – ein symbolischer Akt gegenüber der Tochter eines Mannes, der maßgeblich an der Organisation des Holocaust beteiligt war.
Historiker betrachten Gudrun Burwitz heute als eine der letzten öffentlichen Symbolfiguren eines ideologisch ungebrochenen Nationalsozialismus. Ihr Leben steht exemplarisch für die Frage, wie extremistische Überzeugungen über Generationen hinweg weitergetragen werden können – und wie schwierig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit persönlicher Schuld, familiärer Loyalität und historischer Verantwortung ist.




