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Sie jagte Untergetauchte im Schatten der Gestapo – Das verstörende Leben der Berliner „Greiferin“, die selbst ihre eigene Familie verriet.H
In den dunkelsten Jahren Deutschlands, während das nationalsozialistische Regime Millionen von Menschen entrechtete, verfolgte und ermordete, gab es nicht nur Täter in Uniform. Es gab auch jene, die aus Angst, Überzeugung, Opportunismus oder persönlichem Vorteil mit dem System kooperierten. Die Geschichte einer jüdischen Frau, die mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete und andere Jüdinnen und Juden – sogar ihren eigenen Bruder mit dessen Kindern – denunzierte, gehört zu den verstörendsten Kapiteln dieser Zeit.
Diese Frau war Stella Goldschlag. Geboren 1922 in Berlin in eine jüdische Familie, wuchs sie in einer Welt auf, die sich nach 1933 radikal veränderte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Berufsverbote, Entrechtung, Zwangsarbeit, Deportationen – Schritt für Schritt wurde ihnen die Existenzgrundlage entzogen.
Goldschlag galt als auffallend schön, blond, mit „arischem“ Erscheinungsbild. Dieses äußere Merkmal spielte später eine tragische Rolle. Während viele Berliner Jüdinnen und Juden untertauchten, um der Deportation zu entgehen, geriet sie 1943 in die Hände der Gestapo. Berichte legen nahe, dass sie unter massiver Folter stand. Die Drohung, ihre Eltern zu deportieren, lastete schwer auf ihr. In dieser Extremsituation entschied sie sich zur Zusammenarbeit.
Fortan arbeitete sie als sogenannte „Greiferin“ für die Gestapo in Berlin. Ihre Aufgabe bestand darin, untergetauchte Jüdinnen und Juden aufzuspüren. Sie bewegte sich in Cafés, Parks und auf der Straße, gab sich als ebenfalls Verfolgte aus und gewann das Vertrauen der Menschen. Dann lieferte sie ihre Namen und Aufenthaltsorte an die Behörden. Viele der von ihr Denunzierten wurden verhaftet und deportiert – in den meisten Fällen in Vernichtungslager wie Auschwitz, wo sie ermordet wurden.
Besonders erschütternd ist der Vorwurf, dass sie selbst enge Verwandte verraten habe – darunter ihren Bruder und dessen Kinder. Ob aus Angst um das eigene Leben, aus Überlebenswillen oder aus innerer Verrohung – die moralische Tragweite dieses Handelns bleibt kaum fassbar. Historikerinnen und Historiker gehen davon aus, dass sie an der Verhaftung von mehreren Hundert Menschen beteiligt war.
Gleichzeitig war Stella Goldschlag lesbisch – eine Tatsache, die ihr Leben zusätzlich komplizierte. Homosexualität wurde im Nationalsozialismus verfolgt, insbesondere bei Männern. Für Frauen war die rechtliche Lage weniger eindeutig, doch gesellschaftliche Ächtung und Gefahr waren allgegenwärtig. Dass eine jüdische, lesbische Frau zur Helferin der Gestapo wurde, sprengt einfache Kategorien von Opfer und Täter.
Nach dem Krieg wurde sie 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Später, in West-Berlin, stand sie erneut vor Gericht. 1957 wurde sie wegen Beihilfe zum Mord in mehreren Fällen verurteilt. Doch viele Überlebende empfanden die Strafe als zu milde im Verhältnis zum angerichteten Schaden.
Ihr weiteres Leben war von Isolation, psychischen Problemen und mehreren Ehen geprägt. Sie konvertierte zeitweise zum Christentum, versuchte einen Neuanfang – doch die Vergangenheit holte sie immer wieder ein. 1994 nahm sie sich in Berlin das Leben.
Die Figur Stella Goldschlags wirft bis heute schwierige Fragen auf: Wie weit kann ein Mensch unter extremem Druck gehen? Wo verläuft die Grenze zwischen erzwungener Kooperation und aktiver Täterschaft? Ist moralisches Urteil möglich, wenn Folter, Todesangst und existenzielle Bedrohung im Spiel sind?
Historische Forschung betont, dass individuelle Entscheidungen stets im Kontext massiver Gewaltstrukturen betrachtet werden müssen. Die Hauptverantwortung für Verfolgung und Mord lag eindeutig beim nationalsozialistischen Staat und seinen Institutionen. Doch Fälle wie der von Stella Goldschlag zeigen, dass totalitäre Systeme Menschen in Situationen bringen, in denen sie selbst zu Werkzeugen der Unterdrückung werden.
Besonders tragisch bleibt die Dimension des innerfamiliären Verrats. Dass ein Regime Menschen so gegeneinander aufbringen konnte, dass selbst familiäre Bindungen zerbrachen, verdeutlicht die zerstörerische Kraft von Angst, Ideologie und Zwang.
Die Geschichte dieser NS-Kollaborateurin ist keine einfache Erzählung von Gut und Böse. Sie ist ein Beispiel für moralische Abgründe in Zeiten totaler Diktatur. Sie erinnert daran, dass die nationalsozialistische Verfolgung nicht nur durch offene Gewalt funktionierte, sondern auch durch Denunziation, Misstrauen und das systematische Zersetzen menschlicher Beziehungen.
Heute bleibt ihr Name ein Symbol für ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte. Nicht um Sensation zu erzeugen, sondern um zu verstehen, wie zerbrechlich moralische Gewissheiten werden können, wenn ein Staat Angst zur Waffe macht. Ihre Geschichte mahnt, wie wichtig Rechtsstaatlichkeit, Zivilcourage und Solidarität sind – gerade in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Krisen.
Denn die dunkelsten Jahre Deutschlands waren nicht nur geprägt von Befehlen von oben, sondern auch von Entscheidungen einzelner Menschen. Entscheidungen, deren Folgen für Hunderte – vielleicht Tausende – tödlich waren.



