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Jenseits der Belastbarkeit: Der Zusammenbruch einer deutschen Frau veränderte die Regeln des Gulags für immer .H

21. März 1945. Eine schlammige Waldlichtung westlich des Rheins. Die Luft riecht nach nassen Kiefern, aufgewühlter Erde und dem Nachhall von Kordit. Für Anelise Schmidt, eine 21-jährige Hilfskraft der Fernmeldetruppe des 53. Fernmeldebataillons, ist die Welt auf dieses kalte, tropfende Stück deutschen Bodens geschrumpft. Das hektische Rattern der MG42 ist verstummt. Der letzte verzweifelte Knall eines Kar 98k-Gewehrs ist verklungen und hat eine unnatürliche Stille hinterlassen, die nur vom Tropfen des Wassers von den knochigen Ästen und dem fernen, bedrohlichen Dröhnen amerikanischer Motoren unterbrochen wird.

Anelises Finger, taub und blau, umklammern den Riemen ihres Headsets – ein nutzloses Relikt einer längst untergegangenen Kommandostruktur. Noch vor wenigen Stunden hatte sie inmitten des Chaos Koordinaten durchgegeben, ihre Stimme ruhig und professionell, während Hauptmann Richter versuchte, die Überreste seiner Einheit zu sammeln. Nun liegt der Hauptmann neben einer zersplitterten Eiche, sein Gesicht dem gnadenlosen grauen Himmel zugewandt. Die anderen sind verstreut – tot, verwundet oder im Wald verschwunden. Anelise und eine Handvoll anderer sind die Einzigen, die übrig geblieben sind. Sie sitzen in der Falle.

Das Grollen wird lauter. Es ist nicht nur ein Geräusch; es ist ein physischer Druck, eine Vibration, die durch die Sohlen ihrer abgewetzten Lederstiefel bis in ihre Knochen fährt. Dann tauchen sie auf, wie stählerne Giganten aus dem nebligen Waldrand: die Sherman-Panzer der 3. US-Panzerdivision. Ihre Geschütztürme schwenken langsam und bedrohlich.

Hinter ihnen hatten sich Infanteristen in einer lockeren Schützenlinie aufgestellt, die M1 Garands im Anschlag. Ihre Bewegungen waren flüssig, effizient und von erschreckender Präzision. Sie waren nicht die erschöpften, verzweifelten Soldaten der Wehrmacht, sondern Jäger, die ihre Beute in die Enge getrieben hatten.

Anelises Ausbildung, ihre Disziplin, die jahrelange Propaganda – all das verfliegt in einer kalten Welle urtümlicher Angst. Ein junger Korporal neben ihr, ein Junge namens Dieter mit frischer Akne auf den Wangen, will sein Gewehr heben. Ein älterer Feldwebel – ein Sergeant mit Augen, die Polen und Russland gesehen haben – schlägt dem Jungen die Waffe mit voller Wucht auf den Boden.

“Nein,” the old soldier rasps. “Es ist vorbei.” It is over.

Eine durch ein Megafon verstärkte Stimme durchbricht die angespannte Stille. Die Botschaft ist unmissverständlich: „Waffen fallen lassen! Hände hoch!“

Gewehr für Gewehr klappern auf das nasse Laub – ein Geräusch der Endgültigkeit. Anelise zieht den Stecker ihres Headsets und lässt das Gerät fallen. Sie hebt die Hände, die Handflächen geöffnet. Sie spürt hundert Augenpaare auf sich gerichtet. Als ein junger Soldat mit müden blauen Augen auf sie zukommt, zögert er. Er sieht eine Frau in grauer Wolluniform, das Blitzsymbol der  Nachrichtenhelferin auf dem Ärmel. Er gestikuliert mit seinem Gewehr. „Hände hoch. Hände hoch!“

Sie ist Soldatin, Gefangene, Feindin. Die Unterscheidung spielt keine Rolle mehr.

I. Die Reise zum Käfig

Die Fahrt verschwimmt zu einem Nebel aus Dieselabgasen und erdrückender Dämmerung. Anelise sitzt zusammengepfercht auf der Ladefläche eines GMC-Trucks, Schulter an Schulter mit Männern, deren Gesichter von hohlen Augen und Schock gezeichnet sind. Der Geruch ist erdrückend: Schweiß, Angst, nasse Wolle und der metallische Beigeschmack von Blut. Durch einen Spalt in der Plane sieht sie ihre Heimat in Trümmern – Dörfer zu Schutt und Asche gelegt, Felder von Artillerie zerfurcht.

Als der Konvoi endlich hält, flutet grelles Tageslicht den Lastwagen. Anelise taumelt mit steifen Beinen heraus und sieht ein Meer von Zehntausenden von Männern. Das ist kein Bataillon; das ist der Tod einer ganzen Armee.

Die Bearbeitungslinie ist ein Lehrstück in Entmenschlichung. Ein Sergeant mit Klemmbrett beachtet sie kaum. „Schmidt, Anelise. Oberhelferin, 53. Fernmelderegiment.“ Ihre Taschen werden geleert: ein Foto ihrer Familie in Dresden, eine halb aufgegessene Tafel Ersatzschokolade und ein abgenutztes Exemplar von Goethes Gedichten. Ein Korporal konfisziert ihr Taschenmesser und schiebt den Rest zurück.

Sie wird tiefer in das wachsende Lager geführt. Es gibt keine Baracken, keine Gebäude – nichts als eine riesige, sumpfige Ackerfläche, umgeben von hoch aufragenden Stacheldrahtzäunen. Dies soll ihr Zuhause sein.

II. Das Rheinwiesenlager

Der Ort trägt die offizielle Bezeichnung „Provisorisches Kriegsgefangenenlager A2“. Für die Deutschen ist es schlicht das  Rheinwiesenlager – das Lager bei Remagen. Es handelt sich um ein Sammellager, das in die sumpfigen Felder am Flussufer hineingebaut wurde. Es gibt keine Unterkünfte. Die Gefangenen müssen sich selbst versorgen.

Anelise schließt sich einer kleinen Gruppe weiblicher Gefangener an. Eine Krankenschwester namens Clara, eine Veteranin der Ostfront, wird ihre Mentorin. „Such dir eine Anhöhe“, rät Clara. „Und grabe. Nimm deine Hände, ein Stück Holz, irgendetwas. Die Nächte sind kalt und der Regen wird dich nicht um Erlaubnis fragen.“

Das Überleben ist auf das Primitive reduziert. Zwei Tage lang schaben sie mit den Fingern im harten Lehm, um eine flache Mulde zu schaffen – eine Grube, die gerade tief genug ist, um spärlichen Schutz vor dem Wind zu bieten. Dieses Loch im Boden ist ihr Zufluchtsort. Nachts kuscheln sie sich eng aneinander, um sich zu wärmen; die dünne Wolle ihrer Uniformen bietet nur unzureichenden Schutz vor der eisigen Kälte.

Die Tage verfallen in einen tristen Trott, der von zwei Ereignissen bestimmt wird: der Essensausgabe und dem Appell. Das Essen besteht aus einer dünnen, wässrigen Suppe, die einmal täglich serviert wird, und einer einzigen Scheibe hartem Schwarzbrot. Doch der Appell – der „  Appell“ – wird zum zentralen Bestandteil ihres Daseins.

III. Die Verhandlung des Berufungsgerichts

Zweimal täglich, im Morgengrauen und in der Abenddämmerung, ertönt das Signal. Die Gefangenen müssen sich in ordentlichen Zehnerreihen aufstellen und strammstehen, während amerikanische Sergeanten zählen. Es ist eine Übung in Selbstbeherrschung, eine Machtdemonstration. Doch für die Gefangenen ist es eine Willensprobe. Aufrecht zu stehen, den Kopf hochzuhalten, ist ein Zeichen dafür, dass man noch nicht gebrochen ist.

Während  des Appells zusammenzubrechen,  gilt als ultimatives Zeichen von Schwäche. Es erregt die Aufmerksamkeit der Wachen, die es entweder als Befehlsverweigerung oder als Vorbote einer Krankheit deuten. Die Kranken werden in ein Lazarettzelt am Rande des Lagers gebracht, einen Ort, der von Gerüchten und Furcht umwoben ist. Nur wenige kehren jemals zurück.

So stehen sie da. Im eisigen Regen. Im eisigen Wind. Für Anelise sind die ersten Appelle eine Qual für Muskeln und Knochen. Sie konzentriert sich auf Claras geraden Rücken und schöpft daraus Kraft. Sie zwingt ihre Gedanken, abzuschalten und nur an den Befehl zu denken:  Stehen.

In der dritten Aprilwoche ist das Lager zu einem Sumpf geworden. Die innere Zersetzung ist weitaus schlimmer als die physische. Hoffnung ist ein begrenztes Gut. Anelise träumt von den Gerichten ihrer Mutter – Schweinebraten und warmem Apfelstrudel –, nur um mit Tränen in den Augen und dem bitteren Geschmack von Schlamm im Mund aufzuwachen.

Clara bleibt ihr Anker. „Denk nicht an den ganzen Tag“, krächzt Clara. „Denk nur an den nächsten Schritt: aufstehen, zum Zählen stehen, dein Brot essen. Ein Schritt nach dem anderen.“

IV. Der Wendepunkt

Eines Morgens gleicht der Ruf zum Appell einer körperlichen Misshandlung. Anelise liegt im feuchten Unterstand, ihr Körper weigert sich, sich zu bewegen. Jedes Gelenk schmerzt; ihr Kopf dröhnt im Trommelwirbel des Elends.

„Anelise, es ist Zeit“, sagt Clara mit fester Stimme.

Das Aufstehen erfordert höchste Willenskraft. Eine Schwindelwelle überkommt sie so heftig, dass sie die Stirn gegen die schlammige Wand pressen muss. Die Welt verschwimmt vor ihren Augen zu einem einzigen, schwankenden Durcheinander. Sie taumelt hinaus ins graue Licht der Morgendämmerung. Tausende graue Gestalten bewegen sich wie Geister durch den Nebel.

Während sie in Formation stehen, beginnt Sergeant Miller zu zählen. „Bauer, Helga… Hier. Dresner, Eva… Hier.“

Anelise fixiert einen Wachturm, dessen Silhouette sich gegen den Himmel abzeichnet. Sie versucht, ihre Gedanken abzulenken, doch ihr Körper lässt sich nicht ignorieren. Ihre Beine fühlen sich bleiern an und zittern unkontrolliert. Ihr Herz hämmert gegen ihre Rippen – ein rasender, unregelmäßiger Rhythmus. Trotz der Kälte bricht ihr kalter Schweiß auf der Stirn aus.

Die Stimme des Sergeanten kommt näher. Sie spürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht weicht. Das ist keine Disziplin mehr; es ist ein Kampf gegen die eigenen Bedürfnisse, und sie verliert. Ihr Wille ist eine Festung, doch die Mauern bröckeln. Sie denkt an das Gesicht ihrer Mutter.  Ich muss für sie einstehen. Ich muss standhaft bleiben.

„Schmidt, Anelise!“

Die Stimme der Sergeantin durchdringt den Nebel. Sie ist an der Reihe. Sie öffnet den Mund, um das einfache, trotzige Wort zu formen:  Hier.

Doch kein Laut kommt heraus. Ihr Hals ist wie zugeschnürt, ihre Zunge schwer. Ihre letzte Kraft konzentriert sich auf die unmögliche Aufgabe, aufrecht zu bleiben. Ihr Blick verengt sich. Der Wachturm, die Gesichter, der graue Himmel – alles verschwimmt zu einem wirbelnden Strudel aus Schwarz.

Ein letzter, verzweifelter Gedanke schießt ihr durch den Kopf:  „Ich kann không mehr stehen.“  (Ich kann nicht mehr stehen.)

Ihr Körper gibt nach, noch bevor ihr Wille sie verlässt. Ihre Knie knicken zuerst ein – ein plötzliches, völliges Versagen. Der Fall ist ungelenk. Sie kippt nach vorn wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden. Sie spürt kurz ein schockierendes Gefühl der Schwerelosigkeit und dann den kalten, nassen Schlag des Schlamms, der ihr entgegenkommt.

Ein kollektives Aufatmen geht durch die Reihen der Frauen um sie herum. Das Letzte, was sie wahrnimmt, ist das Geräusch von Stiefeln auf dem nassen Boden und Claras verzweifelter Schrei nach ihrem Namen.

Ihr Kampf ums Überleben war vorbei. Der Kampf ums bloße Überleben hatte sein verzweifeltstes Kapitel erreicht.

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