In der Nacht vor seiner Hinrichtung durch den Strang nahm sich Hermann Göring das Leben – doch während sein Tod ein Kapitel der Geschichte schloss, eröffnete er für seine Familie eine andere Tragödie.H

In der Nacht vom 15. Oktober 1946 beendete Hermann Göring sein Leben in seiner Zelle in Nürnberg – nur wenige Stunden vor seiner geplanten Hinrichtung.
Mit seinem Tod schloss sich ein Kapitel der Geschichte. Gleichzeitig öffnete sich ein anderes:
Was geschah mit der Familie, die er zurückließ?
Vom luxuriösen Leben in Carinhall bis zur Unsicherheit des Nachkriegsdeutschlands erlebte der Name Göring einen dramatischen Absturz.
In den letzten Wochen des Krieges sahen Emmy und Edda Göring, wie ihre vertraute Welt zerfiel. Ende April 1945, als sowjetische Truppen immer weiter nach Westen vorrückten, befahl Hermann Göring die Zerstörung seines Anwesens in Carinhall. Als die letzten Gebäude in Schutt und Asche lagen, waren Emmy und Edda bereits auf dem Weg nach Bayern gebracht worden – zunächst in Richtung Berchtesgaden, später in verschiedene alpine Rückzugsorte unter Kontrolle der zusammenbrechenden NS-Führung.
Am 6. Mai 1945 wurde Hermann Göring nahe Radstadt in Österreich von US-Truppen aufgegriffen. Seine Kapitulation wurde innerhalb weniger Stunden gemeldet. Kurz darauf lokalisierten die Alliierten auch Emmy und Edda in derselben Region. Sie wurden zu provisorischen Sammelstellen für „Angehörige hochrangiger Funktionäre“ gebracht – eine Kategorie, die geschaffen worden war, um Flucht zu verhindern und potenzielle Zeugen unter Kontrolle zu halten.
Die Unterkünfte reichten von beschlagnahmten Hotels bis zu bewachten Wohnhäusern. Die Lebensbedingungen variierten, doch die Botschaft war eindeutig: Freiheit würde es vorerst nicht geben. Alliierte Vernehmer befragten Emmy wiederholt. Sie war eine der sichtbarsten Frauen des Regimes gewesen, häufig fotografiert an der Seite von Hitlers innerem Zirkel.
Man drängte sie zu Aussagen über ihren Einfluss, ihre Privilegien während des Krieges und ihre Nähe zu politischen Entscheidungen. Zum ersten Mal seit den 1930er-Jahren verfügte sie weder über Personal noch über Status oder Schutz.
Für Edda, damals erst sieben Jahre alt, war der Umbruch noch abrupter. Sie wechselte von einem Haushalt voller Bediensteter und zeremonieller Pracht in eine Abfolge fremder Räume unter militärischer Bewachung. Alliierte Beobachter beschrieben sie als still und höflich. Oft klammerte sie sich an einen kleinen Koffer mit den wenigen Dingen, die man ihr gelassen hatte. Immer wieder fragte sie, wann sie ihren Vater wiedersehen würde.
Hermann Görings Verhaftung veränderte Emilys rechtliche Lage schlagartig. Die Alliierten begannen mit einer detaillierten Erfassung des Familienvermögens – von Schmuck und Pelzen bis hin zu Kunstwerken, die in größere Restitutionsverfahren eingebunden waren. Persönliche Gegenstände, die Emmy behalten wollte, wurden häufig zur Prüfung eingezogen.
Bis zum Spätsommer 1945 wurden Emmy und Edda mehrfach verlegt. Wochenlang lebten sie in einem beschlagnahmten Gebäude nahe Garmisch-Partenkirchen, bevor sie erneut in Einrichtungen näher bei München gebracht wurden.
Der Krieg war vorbei, doch für die Familie Göring begann erst jetzt eine neue Prüfung. Während Hermann Göring vor dem Internationalen Militärtribunal auf seinen Prozess wartete, gerieten Emmy und Edda zwischen die juristische Maschinerie der Entnazifizierung und den persönlichen Zusammenbruch ihrer bisherigen Existenz.
Als das Tribunal im November 1945 seine Arbeit aufnahm, wurde Hermann Göring zum prominentesten Angeklagten. Seine Aussagen dominierten den Winter und das Frühjahr 1946. Er bestritt jede strafrechtliche Verantwortung, verteidigte Entscheidungen des Regimes und versuchte, sich als Staatsmann darzustellen – nicht als einer der Hauptarchitekten des Krieges.
Für Emmy und Edda, weiterhin unter alliierter Aufsicht, bedeutete der Prozess Monate der Ungewissheit. Emmy bat wiederholt um Informationen, durfte jedoch keinen direkten Kontakt zu ihrem Mann aufnehmen.
Am 1. Oktober 1946 fiel das Urteil: schuldig in allen wesentlichen Anklagepunkten, verurteilt zum Tod. Weniger als zwei Wochen später, am 15. Oktober, nahm sich Göring mit einer versteckten Giftkapsel das Leben.
Sein Tod beendete seine Rolle in der Weltgeschichte, verschärfte jedoch die rechtlichen und politischen Folgen für seine Familie. Als die Nachricht Emmy und Edda erreichte, berichteten Beobachter von einem stillen, tiefen Schock. Emmy weigerte sich zunächst, die Einzelheiten zu glauben. Edda, inzwischen acht Jahre alt, fragte schlicht:
„Wo ist Papa hingegangen?“
Das Urteil von Nürnberg leitete die vollständige rechtliche Zerschlagung des Göring-Vermögens ein. Alliierte und deutsche Behörden begannen formelle Beschlagnahmungsverfahren. Carinhall war bereits zerstört, doch Kunstwerke, Schmuck und persönliche Sammlungen existierten weiterhin. Ein Großteil davon war mit umfangreichen Rückgabeverfahren für aus ganz Europa geraubte Kunst verbunden.
Besonders bekannt wurde die Göring-Kunstsammlung, eine der größten privaten Sammlungen des Dritten Reiches. Ermittler verfolgten hunderte Gemälde, Skulpturen und Kunstobjekte bis zu Depots in Bayern und Österreich. Die Sammlung wurde aufgelöst, restituiert oder als Beweismaterial gesichert.
Mit Beginn der Entnazifizierung im Jahr 1947 rückte Emmy Göring verstärkt in den Fokus. Anders als viele Ehefrauen nationalsozialistischer Funktionäre war sie eine äußerst öffentliche Figur gewesen. Als Frau Hermann Görings hatte sie an Staatsakten, kulturellen Veranstaltungen und diplomatischen Empfängen teilgenommen. Einige alliierte Ermittler bezeichneten sie informell sogar als
„die gesellschaftliche First Lady des Reiches“.
Dieser Ruf prägte die folgenden Verfahren.
Der Verlust nach 1945 war für Emmy nicht nur symbolisch, sondern auch materiell. Ohne Vermögen und ohne Zugang zu früheren Privilegien begann sie die Nachkriegsjahre ohne finanzielle Sicherheit. Entschädigungsanträge aus den späten 1940er-Jahren scheiterten an Entnazifizierungsauflagen, und Pensionsansprüche aus den Staatsämtern ihres Mannes wurden abgelehnt.
Auch Eddas Situation blieb unsicher. Zwar unterlagen Kinder nicht der Entnazifizierung, doch der Name Göring wog schwer. Kurzzeitig erwogen alliierte Behörden sogar eine externe Vormundschaft, entschieden sich letztlich jedoch, Edda nach Abschluss des Verfahrens bei ihrer Mutter zu belassen.
Anfang 1947 musste sich Emmy vor einem Münchner Entnazifizierungstribunal verantworten. Die Anklage legte Fotografien, Zeugenaussagen und Dokumente vor, die ihre Beteiligung an staatlich geförderten Kulturorganisationen belegten. Man argumentierte, dass ihre öffentliche Präsenz das Regime legitimiert und normalisiert habe.
Emmy entgegnete, sie sei stets eine Privatperson gewesen, die in eine Rolle gedrängt worden sei, die sie nie gesucht habe. Im März 1948 erging das Urteil: Einstufung als „Belastete“, die zweitschwerste Kategorie. Sie verlor alle verbleibenden Eigentumsrechte, einschließlich Ansprüchen auf Haushaltsgegenstände in alliierter Verwahrung.
Zudem erhielt sie ein dauerhaftes Berufsverbot im öffentlichen Bereich, Reisebeschränkungen sowie Einschränkungen bei Medienauftritten und kultureller Teilhabe. Auch Pensionsansprüche blieben ausgeschlossen. Berufungen folgten umgehend. Zwar wurden einzelne Auflagen gelockert, doch die zentralen Strafen blieben lebenslang bestehen.
Emmys finanzielle Lage war danach schwierig, aber nicht hoffnungslos. Sie lebte in München bescheiden, unterstützt von Freunden aus der Theaterwelt. Manche Darstellungen zeichnen sie als verarmt, andere sprechen von einem stillen, stabilen Leben ohne Luxus. Historiker streiten bis heute darüber, wie sehr sie ihr Leid später dramatisierte.
In den späten 1960er-Jahren trat Emmy noch einmal öffentlich auf. 1967 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „An der Seite meines Mannes“, 1972 folgte die englische Ausgabe My Life with Göring. Darin stellte sie Hermann Göring als fürsorglich und menschlich dar, verteidigte ihn gegen die historische Überlieferung und blieb dieser Sichtweise bis zu ihrem Tod treu.
Ihre letzten Jahre waren von gesundheitlichem Verfall geprägt. Am 8. Juni 1973 starb Emmy Göring in München im Alter von 80 Jahren. Edda blieb bis zuletzt an ihrer Seite.
Edda Göring, geboren am 2. Juni 1938, war vom NS-Regime als nationales Symbol gefeiert worden. Adolf Hitler fungierte bei ihrer Taufe als Patenonkel. Geschenke wie Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren spiegelten den außergewöhnlichen Status wider. In Carinhall wuchs sie umgeben von Luxus auf, oft als „kleine Prinzessin“ bezeichnet.
Dieses Leben endete 1945 abrupt. Ihre Kindheit setzte sich in Internierungsunterkünften unter alliierter Aufsicht fort. Nach Abschluss der Entnazifizierung ihrer Mutter kehrte sie nach München zurück.
In den folgenden Jahrzehnten versuchte Edda, ein normales Leben zu führen. Sie studierte Jura, arbeitete später als medizinisch-technische Assistentin und blieb unverheiratet und kinderlos. Den Namen Göring legte sie niemals ab.
In den 1970er-Jahren geriet sie noch einmal in die Öffentlichkeit durch ihre Nähe zum Journalisten Gerd Heidemann. Dort verteidigte sie ihren Vater unbeirrt und erklärte auf Fragen zu seinen Verbrechen lediglich, sie erinnere sich an
„einen liebevollen Vater“.
Einen völlig anderen Weg wählte Bettina Göring, eine Großnichte Hermann Görings. Sie wuchs mit vollem Bewusstsein für das Familienerbe auf, emigrierte in die USA und erklärte öffentlich, sie habe sich sterilisieren lassen, um – wie sie sagte –
„die Linie zu beenden“.
Ihr Bruch mit der Vergangenheit stand im scharfen Gegensatz zu Eddas lebenslanger Loyalität.




