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Ernst Röhm – Aufstieg und Ende der SA-Führung | WW2 Biografie.H

Der 1. Juli 1934, kurz vor 15 Uhr. In einer Zelle des Gefängnisses München-Stadelheim steht ein Mann mit entblößter Brust. Vor ihm liegen eine Pistole und zehn Minuten Zeit. Doch Ernst Röhm greift nicht zur Waffe. „Wenn ich erschossen werden soll, soll Adolf es selbst tun“, sind seine letzten Worte, bevor zwei SS-Männer die Zelle wieder betreten.

Sekunden später fallen Schüsse. Der Mann, der Hitler an die Macht gebracht hatte, ist tot – erschossen im Auftrag seines engsten Freundes. Ernst Röhm wurde am 28. November 1887 in München geboren, als jüngstes von drei Kindern. Sein Vater war Eisenbahndirektor bei der Bayerischen Staatseisenbahn; eine kleinbürgerliche, ordentliche Familie ohne militärische Tradition.

Doch in Ernst brannte etwas anderes. Nach dem Abitur 1906 am humanistischen Maximiliansgymnasium trat er sofort in die bayerische Armee ein. Das Militär wurde sein Leben, seine Identität, sein Schicksal. Der Erste Weltkrieg prägte Röhm wie kaum einen anderen. Als Bataillonsadjutant kämpfte er an der Westfront.

Im September 1914, nur Wochen nach Kriegsbeginn, wurde er bei Chanot Wood in Lothringen schwer im Gesicht verwundet. Tiefe Narben entstellten sein Gesicht für immer – ein äußeres Zeichen seiner inneren Härte. Dreimal wurde er schwer verwundet, immer kehrte er zurück. Er erhielt das Eiserne Kreuz Erster Klasse und wurde zum Hauptmann befördert.

Der Krieg war für Röhm keine Hölle, er war Heimat. Als 1918 die Niederlage kam, brach für Röhm eine Welt zusammen, doch er akzeptierte sie nicht. In München wurde er Stabschef der Stadtkommandantur, zuständig für politische Sicherheit. 1919 schloss er sich dem Freikorps von Franz Ritter von Epp an, um die Münchner Räterepublik niederzuschlagen.

Hier begann seine politische Radikalisierung. Als Stabsoffizier baute er geheime Waffenlager auf – verbotene Waffen, versteckt in Bayern, bereit für den nächsten Kampf. Man nannte ihn den „Maschinengewehrkönig von Bayern“. 1919 trat Röhm der Deutschen Arbeiterpartei bei, die sich 1920 in NSDAP umbenannte. Hier traf er auf Adolf Hitler. Die beiden verband mehr als Politik.

Sie verband eine tiefe, fast brüderliche Freundschaft. Röhm war einer der wenigen, die Hitler duzen durften. Er war der Mann, der die Waffen besorgte, die Kontakte zur Reichswehr hielt und die paramilitärischen Strukturen aufbaute, die Hitler brauchte. Am 9. November 1923 marschierten sie gemeinsam beim Hitler-Ludendorff-Putsch.

Röhm führte seinen Wehrverband „Reichskriegsflagge“. Der Putsch scheiterte. Röhm wurde zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt und aus der Reichswehr entlassen. Doch statt gebrochen zu sein, fühlte er sich bestätigt. Er wurde in den Reichstag gewählt und baute neue Strukturen auf. Dann kam der Bruch. 1925 stritt Röhm mit Hitler über die Zukunft der paramilitärischen Verbände.

Hitler wollte den Weg der Legalität gehen, Röhm wollte kämpfen. Am 1. Mai 1925 trat er aus Protest von allen Ämtern zurück. Die Freundschaft schien zerbrochen. Röhm ging ins Exil nach Bolivien und arbeitete dort fünf Jahre lang als Militärinstrukteur, tausende Kilometer entfernt von Deutschland. Doch Hitler brauchte ihn.

Die SA, die Sturmabteilung, war im Chaos versunken. Nur Röhm konnte sie führen. Im November 1930 kehrte Röhm nach Deutschland zurück. Am 5. Januar 1931 wurde er zum obersten Stabschef der SA ernannt und er begann sein Werk. Aus 70.000 Männern machte Röhm innerhalb von zwei Jahren über 400.000. Die SA wurde zur größten paramilitärischen Organisation der Welt.

Hierarchisch organisiert, militärisch strukturiert und bedingungslos loyal – nicht zur Partei, sondern zu Röhm persönlich. „Eroberung der Straße“ war die Parole, und Röhm eroberte sie mit Gewalt. Die SA unter Röhm war keine politische Bewegung, sie war eine Terrororganisation: systematische Straßenkämpfe gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, Saalschlachten, Einschüchterungen und Überfälle.

„Wir prügeln uns groß“, lautete die zynische Parole. Bei Aufmärschen gab es Tote und dutzende Verletzte. Die SA verbreitete Furcht und Schrecken. Genau das war ihr Zweck. Röhm wusste es, er befahl es und er verantwortete es. Röhm war anders als andere Naziführer; er lebte seine Homosexualität relativ offen. Für die damalige Zeit ein ungeheuerlicher Akt.

Schon in den 1920er Jahren war dies in engen Kreisen bekannt. 1925 verklagte er einen Prostituierten wegen Diebstahls vor Gericht. 1932 veröffentlichte die SPD seine privaten Briefe, in denen er offen über seine Orientierung schrieb. Es wurde zum Skandal, doch Hitler schützte ihn. „Das Privatleben kann nur dann Gegenstand der Betrachtung sein, wenn es den wesentlichen Grundsätzen der nationalsozialistischen Anschauung zuwiderläuft“, erklärte Hitler.

Solange Röhm nützlich war, war seine Homosexualität kein Problem. Später würde Hitler genau diese Homosexualität als Rechtfertigung für seinen Mord instrumentalisieren – pure, kalte Machtpolitik. Am 30. Januar 1933 kam die Machtergreifung. Röhm wurde Reichsminister ohne Geschäftsbereich, bayerischer Staatsminister und Mitglied des Reichskabinetts.

Die SA wuchs auf 4,5 Millionen Mitglieder an. Röhm stand auf dem Höhepunkt seiner Macht, doch genau hier begann sein Fall. Denn Röhm wollte mehr. Er träumte von einer „zweiten Revolution“, von einem Volksheer unter SA-Führung. Er forderte, dass die Reichswehr in die SA eingegliedert wird – mit ihm als Kriegsminister an der Spitze.

Für die Reichswehr, für die konservativen Eliten und für Hitlers industrielle Verbündete war das eine Bedrohung. Und für Hitler wurde Röhm vom engsten Freund zum gefährlichen Rivalen. Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich, Hermann Göring – sie alle intrigierten gegen Röhm. Sie flüsterten Hitler ins Ohr: „Röhm plant einen Putsch. Die SA wird dich stürzen. Du musst zuschlagen.“

Und Hitler, der Mann, der Röhm das „Du“ angeboten hatte, der ihm am 31. Dezember 1933 noch für „unvergängliche Dienste“ gedankt hatte, entschied sich. Am 21. Juni 1934 fiel die Entscheidung: Röhm und die SA-Führung müssen eliminiert werden. „Operation Kolibri“ – der Codename klang harmlos, doch was folgte, war ein Massaker.

In den frühen Morgenstunden des 30. Juni 1934 flog Hitler nach München. Zuerst wurden SA-Führer im bayerischen Innenministerium verhaftet. Dann fuhr Hitler zum Hotel Hanselbauer in Bad Wiessee am Tegernsee. Zwischen 6 und 7 Uhr stürmte er mit seinem Gefolge das Hotel. Die SA-Führung wurde in ihren Betten überrascht.

Röhm wurde verhaftet, in Unterhose und halb angezogen. Edmund Heines fand man mit seinem Liebhaber im Bett. Sie wurden alle nach München-Stadelheim gebracht. Im ganzen Reich wurden SA-Führer erschossen – an Hauswänden, in Gefängniszellen, auf offener Straße. Nicht nur SA-Männer starben, auch politische Gegner und persönliche Feinde.

Ex-Reichskanzler Kurt von Schleicher wurde mit seiner Frau in ihrer Wohnung erschossen. Gregor Strasser, einst zweiter Mann der NSDAP, wurde in einer Gefängniszelle ermordet. Die Zahlen schwanken; offiziell gab es 71 Tote, andere Schätzungen sprechen von bis zu zweihundert oder sogar eintausend Opfern. Die „Nacht der langen Messer“ war ein kalkulierter Massenmord.

Röhm saß in seiner Zelle in Stadelheim. Hitler zögerte – dieser Mann war sein ältester Weggefährte, sein Freund. Doch dann gab er den Befehl: Röhm sollte die Möglichkeit zum Selbstmord erhalten, ein letzter Akt der Gnade. Theodor Eicke, der spätere Kommandant des KZ Dachau, und Michael Lippert betraten die Zelle. Sie legten Röhm eine Pistole auf den Tisch.

Eine Patrone, zehn Minuten Zeit. Dann verließen sie den Raum. Die Minuten verstrichen. Kein Schuss. Röhm griff nicht zur Waffe. Als Eicke und Lippert zurückkehrten, stand Röhm aufrecht, mit entblößter Brust, trotzig und unbeugsam. „Wenn ich erschossen werden soll, soll Adolf es selbst tun.“ Zwei Schüsse fielen, dann ein Gnadenschuss direkt ins Herz.

Um 14:50 Uhr war Ernst Röhm tot, 46 Jahre alt, ermordet von den Schergen des Mannes, den er an die Macht gebracht hatte. Am 13. Juli 1934 rechtfertigte Hitler die Morde vor dem Reichstag. Er behauptete, Röhm habe einen Putsch geplant – eine nachweisliche Lüge. Er sprach von „moralischer Verkommenheit“ und instrumentalisierte Röhms Homosexualität. Hitler nannte sich den „obersten Gerichtsherrn“ und Vollstrecker der Gerechtigkeit.

Ein nachträglich erlassenes Staatsnotwehrgesetz legitimierte die Morde juristisch. Jahrhunderte des Rechtsstaats wurden an diesem Tag endgültig begraben. Ernst Röhm war kein Held und kein Märtyrer. Er war Täter. Als Stabschef der SA trug er direkte Verantwortung für systematischen Terror, für hunderte Tote bei Straßenkämpfen und für die Zerstörung der Weimarer Demokratie.

Die SA unter seiner Führung überfiel, prügelte und ermordete politische Gegner, Juden und jeden, der im Weg stand. Nach 1933 beteiligten sich SA-Männer an „wilden“ Konzentrationslagern, an Boykotten jüdischer Geschäfte und an ungezählten Gewalttaten. Röhm wusste davon, er befahl es und er verantwortete es.

Doch seine Ermordung war kein Akt der Gerechtigkeit. Sie war ein Machtakt. Hitler beseitigte einen Rivalen, konsolidierte seine absolute Herrschaft und opferte seinen ältesten Weggefährten der Staatsräson. Die Reichswehr bekam ihr Militärmonopol. Die SS unter Himmler stieg zur dominierenden Organisation auf. Die SA wurde zur bedeutungslosen Massenorganisation degradiert.

Was bleibt von Ernst Röhm? Ein Mann, der für eine Ideologie lebte und durch sie starb. Ein Mann, der glaubte, Loyalität sei Macht, und lernen musste, dass im Nationalsozialismus nur Macht Macht ist. Ein Mann, dessen Homosexualität instrumentalisiert wurde – geduldet, solange nützlich; verdammt, sobald hinderlich. Ein Mann, der Gewalt säte und durch Gewalt starb.

Ernst Röhm war Täter und Opfer zugleich. Täter durch seine Verantwortung für den SA-Terror; Opfer eines Systems, das er selbst mit aufgebaut hatte. Seine Geschichte ist keine tragische Heldengeschichte. Sie ist die Geschichte eines Mannes, der half, einen Terrorstaat zu errichten, und dann von diesem Staat verschlungen wurde. Sie ist eine Warnung.

Wer mit Gewalt Politik macht, wird durch Gewalt enden. Wer Loyalität mit Macht verwechselt, wird einsam sterben. Und wer glaubt, die Gewalt kontrollieren zu können, die er entfesselt hat, wird von ihr vernichtet werden. Die Schüsse in Stadelheim am 1. Juli 1934 beendeten nicht nur ein Leben. Sie markierten den Punkt, an dem das NS-Regime alle Masken fallen ließ, an dem klar wurde: Es gibt keine Freundschaft, keine Loyalität, kein Recht mehr – nur noch Macht, und Hitler hatte sie alle.

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