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Dresden, Deutschland – 13./14. Februar 1945.H

Neben der Kreuzkirche im Feuersturm: Der Augenzeugenbericht einer Zwölfjährigen

Alljährlich gedenkt Dresden am 13. Februar der Zerstörung im Jahr 1945. In der Nacht zum 14. Februar verwandelten alliierte Bombenangriffe die blühende Kunststadt in ein Flammenmeer. Zehntausende Menschen verloren ihr Leben. Doch hinter jeder Zahl steht ein persönliches Schicksal – so wie das einer zwölfjährigen Schülerin, die mit ihrer Mutter direkt neben der Kreuzkirche wohnte.

Bombing of Dresden - Wikipedia

Ihre Erinnerungen wurden Jahrzehnte später in einem Schulaufsatz der 1970er Jahre festgehalten – ein eindringliches Zeugnis dessen, was diese Nacht bedeutete.

Im Februar 1945 lebte das Mädchen mit seiner Mutter in einer fernbeheizten Wohnung in der Schulgasse, nur wenige Schritte von der Kreuzkirche entfernt. Das massive Gebäude einer Bankgesellschaft beherbergte unten Geschäfts- und Archivräume, darüber Büros und Wohnungen. Der Vater, im Zivilberuf Bankangestellter, war als Sanitäter eingezogen worden und lag wegen einer chronischen Erkrankung im Lazarett in der Neustadt.

Am Abend des 13. Februar, einem Faschingsdienstag, gingen Mutter und Tochter früh schlafen. Gegen 21.45 Uhr riss Sirenengeheul sie aus dem Schlaf. Fast gleichzeitig schlugen in unmittelbarer Nähe die ersten Bomben ein. Hastig zogen sie sich an, griffen nach dem Notgepäck und rannten in den Keller.

Dort saßen bereits Nachbarn: alte Menschen, Frauen, Kinder. Der Krieg hatte die meisten Männer an die Front geholt. Auch einige Passanten flüchteten von der Straße in den Luftschutzkeller. Unablässig fielen Bomben. Dem pfeifenden Fallgeräusch folgten gewaltige Detonationen. Dazwischen das monotone Dröhnen der Flugzeuge. Das elektrische Licht flackerte, erlosch, kehrte kurz zurück.

Angst lag wie eine zweite Haut über allen.

Nach einer Weile schien der Angriff abzuflauen. Einige Bewohner, darunter die Mutter, wagten einen Kontrollgang durchs Haus. Sechs Stabbrandbomben waren eingeschlagen. Mit Sand und Wasser aus bereitstehenden Kübeln konnten sie gelöscht werden – trotz unterbrochener Wasserleitung.

Doch nebenan, im Neuen Rathaus, brannte es. Niemand unternahm ernsthafte Löschversuche. Die Sorge war groß, dass die Flammen übergreifen würden.

Dann setzte erneut Flugzeugbrummen ein. Ob Sirenen gewarnt hatten, wusste niemand. Der zweite Angriff begann – heftiger, grausamer als zuvor. Das Licht im Keller erlosch endgültig. Druckwellen schleuderten die Menschen zu Boden. Mit offenem Mund lagen sie auf dem Kellerboden, um die Lungen vor dem Bersten zu schützen.

Die Mutter wollte wieder nach oben – kam jedoch mit der entsetzlichen Nachricht zurück: „Das ganze Haus steht in Flammen!“

Ein verzweifelter Fluchtversuch begann. Mit Luftschutzhelm, Blendlaterne und Spitzhacke schlug die Mutter einen Mauerdurchbruch zum Nachbarkeller. Im Dunkeln stolperten die Bewohner hinterher. Ein weiterer Durchbruch folgte. Schließlich erreichten sie die Tür eines betonierten Großbunkers.

Sie hämmerten, schrien, flehten.

Niemand öffnete. Später erfuhren sie: Die Menschen im Bunker waren bereits erstickt.

Der Rückweg in den brennenden Keller war ein Gang zwischen Leben und Tod. Von oben kroch eine brennende, zähklebrige Masse die Treppe hinab – Phosphor.

Es blieb nur der Notausstieg durchs Kellerfenster. Ein Soldat trat eine verklemmte Tür auf. Die Mutter tauchte zwei Wintermäntel in eine Wassertonne. Tropfnass zogen sie sie an, wickelten nasse Tücher um den Kopf, griffen je zwei Gepäckstücke – und kletterten hinaus.

Firebombing of Dresden | February 13, 1945 | HISTORY

Draußen tobte ein Feuerorkan.

Flammen, Funken, brennende Balken. Ein alter Mann wurde von einem herabstürzenden Balken getroffen und stand augenblicklich in Flammen. Mutter und Tochter rannten um ihr Leben. Sie hielten sich an den Händen, rangen mit weit geöffnetem Mund nach Luft. Überall lagen Tote. Brennende Menschen taumelten durch die Straßen.

Die nassen Mäntel trockneten in Minuten.

74 years ago, Allied bombers obliterated Dresden, one of Germany’s most beautiful cities

Phosphor spritzte dem Mädchen ans Bein – er entzündete sich nicht. Beim Umgehen eines Brandherdes verlor sie ihre Mutter aus den Augen. Panik. Dann – das Wiederfinden.

Am Georgplatz fanden sie im Windschatten eines verlassenen Löschzuges etwas Schutz vor dem Sturm.

Der Vater hatte sich inzwischen – trotz Lazarettaufenthalts – in Sanitäteruniform auf den Weg in die brennende Stadt gemacht. Nur deshalb durfte er passieren. Über Trümmer und Leichenberge kämpfte er sich bis zum Haus vor. Im Keller erstickten die Flammen mangels Sauerstoff – doch die zurückgebliebenen Menschen lebten nicht mehr.

Remembering Dresden: 70 Years After the Firebombing - The Atlantic

Verzweifelt suchte er unter den Toten nach Frau und Tochter.

Schließlich wiesen ihm zwei alte Menschen den Weg. Unfassbar glücklich sah das Mädchen ihren Vater auf sich zueilen.

Durch den Großen Garten führte er sie in die Südvorstadt. Mutter und Tochter waren durch Hitze und Funken zeitweise erblindet. Sie litten unter zahllosen Brandwunden. Drei Tage lang blieben sie blind. Die linke Hand war schwer verbrannt. Wegen der Phosphorverletzung am Bein sollte sogar eine Amputation erfolgen.

Hier endete der Bericht der Mutter.

Als sie Jahrzehnte später diese Erinnerungen erzählte, war es wieder 21.45 Uhr. Draußen begannen die Glocken der Dresdner Kirchen zu läuten – zum Gedenken an die Zerstörung.

Was bleibt, ist nicht nur Geschichte. Es ist die Stimme eines Kindes im Feuersturm – ein persönliches Zeugnis gegen das Vergessen.

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