Der Tod von Dietrich Bonhoeffer: Ein deutscher Pastor, der das Leben Tausender rettete – aber zu welchem Preis?.H

Am 9. April 1945 hängen die Nazis einen Mann. Zwei Wochen vor Kriegsende. Er ist kein Soldat, kein Attentäter, kein Spion. Sein Verbrechen: Er glaubte, dass man Hitler töten muss. Dieser Mann war Pastor. Sein Name: Dietrich Bonhoeffer. Und seine Geschichte stellt eine Frage, die bis heute niemand beantworten kann.
Darf ein Christ töten, um Tausende zu retten? Es ist der frühe Morgen des 9. April 1945. Im Innenhof des Lagers Flossenbürg steht ein Galgen. Ein Mann in Häftlingskleidung kniet in seiner Zelle. Seine Hände sind zum Gebet gefaltet. Der Lagerarzt beobachtet die Szene durch die halb offene Tür. Später wird er schreiben: „Selten habe ich einen Menschen so ruhig sterben sehen.“
In wenigen Minuten wird dieser Mann nackt zum Galgen geführt. Sein Name ist Dietrich Bonhoeffer. Er ist 39 Jahre alt, Pastor, Theologe und Verschwörer gegen Adolf Hitler. Aber wie wird aus einem Gottesmann ein Staatsfeind? Wie kommt ein Mann, der sein Leben der Bergpredigt gewidmet hat, dazu, Mord zu rechtfertigen? Die Antwort liegt 12 Jahre zurück.
In einem Radiovortrag, der Deutschland erschüttert hat. Februar 1933. Nur zwei Tage nachdem Hitler Reichskanzler geworden ist, sitzt Bonhoeffer vor dem Mikrofon des Berliner Rundfunks. Er hält einen Vortrag über Führung und Macht. Und dann sagt er etwas, das niemand erwartet. „Wenn ein Führer sich zum Götzen macht, wird aus dem Führer ein Verführer.“
Die Sendung wird abgebrochen. Ob technischer Fehler oder Zensur. Bis heute ist unklar. Aber eins ist sicher. In diesem Moment wird Bonhoeffer zum Feind. Wer ist dieser Mann, der es wagt, Hitler zu widersprechen? Geboren am 4. Februar 1906 in Breslau als Sohn eines berühmten Psychiaters. Aufgewachsen in Berlin im vornehmen Grunewald.
Ein Wunderkind. Mit 21 Jahren schließt er sein Studium ab. Mit 24 ist er Dozent, einer der jüngsten Theologen Deutschlands. Aber der Hörsaal reicht ihm nicht. 1930 geht er nach New York. Dort erlebt er etwas, das ihn für immer verändert. Er besucht eine Kirche in Harlem. Eine Gemeinde von schwarzen Amerikanern.
Menschen, die unterdrückt werden. Die in Armut leben. Hier sieht er, was es bedeutet, Glauben wirklich zu leben, nicht nur zu predigen, sondern zu handeln. Diese Erfahrung wird ihn nie mehr loslassen. Als er 1931 nach Deutschland zurückkehrt, ahnt er nicht, dass er in ein Land zurückkehrt, das bald in Flammen stehen wird.
Zwei Jahre später ist Hitler an der Macht, und Bonhoeffer stellt eine Frage, die seine Kollegen schockiert. „Was soll die Kirche tun, wenn der Staat Unschuldige verfolgt?“ Seine Antwort im April 1933 vor Berliner Pfarrern ist unmissverständlich. „Die Kirche muss bereit sein, dem Rat in die Speichen zu fallen.“
Einige Zuhörer verlassen empört den Raum. Die meisten deutschen Christen wollen von solchem Widerstand nichts wissen. Die Mehrheit der evangelischen Kirche macht mit. Bei den Nazis. Sie nennen sich deutsche Christen. Sie wollen Hakenkreuz und Christuskreuz verbinden. Bonhoeffer gehört zu den wenigen, die sich dagegen wehren.
Im September 1933 gründet er mit anderen den Pfarrer Notbund. Der Beginn der Bekennenden Kirche. Die Nazis wollen getaufte Juden aus dem Fahrdienst werfen. Bonhoeffer sagt: „Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht Gregorianische singen.“ Es ist eine Kampfansage. Und sie macht ihn zur Zielscheibe. 1935 übernimmt er die Leitung einer geheimen Predigerschule in Finkenwalde.
Hier lebt er mit seinen Studenten wie in einem Kloster. Gemeinsames Gebet, gemeinsames Leben. Aber es ist keine weltfremde Frömmigkeit. In seinem Buch „Nachfolge“ prägte er einen Begriff, der bis heute nachhallt: „die billige Gnade“. Damit meint er Gnaden ohne Folgen, ohne Opfer, ohne Risiko. Dagegen stellt er die Treue, Gnade, die Gnade, die das ganze Leben fordert.
Im September 1937 schlägt die Gestapo zu. Die Schule wird geschlossen. 27 Studenten werden verhaftet. Bonhoeffer erhält Rede- und Schreibverbot. Er wird aus Berlin ausgewiesen. Jetzt hat er zwei Möglichkeiten: Ins Ausland fliehen oder bleiben und kämpfen. Im Juni 1939 reist er tatsächlich nach Amerika. Freunde haben ihm eine Professorenstelle besorgt.
Er ist in Sicherheit. Aber schon nach wenigen Wochen kehrt er zurück. In seinem Tagebuch schreibt er: „Ich muss diese schwere Zeit unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben. Ich werde kein Recht haben, am Wiederaufbau nach dem Krieg mitzuwirken, wenn ich die Prüfung dieser Zeit nicht mit meinem Volk teile.“
Es ist eine Entscheidung, die ihm das Leben kosten wird. 1940 passiert etwas Merkwürdiges. Bonhoeffer, der Staatsfeind, wird plötzlich Mitarbeiter der Abwehr des militärischen Geheimdienstes. Offiziell soll er seine Kontakte im Ausland nutzen. Die Wahrheit ist eine andere. Sein Schwager Hans von Dohnanyi arbeitet in der Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris.
Und im Herzen der Abwehr hat sich eine Gruppe gebildet, die etwas plant, das niemand laut ausspricht. Sie wollen Hitler töten. Bonhoeffer wird Teil dieser Verschwörung. Der Pastor wird zum KURIER des Widerstands. Er reist durch Europa, in die Schweiz, nach Italien, nach Schweden. Unter dem Deckmantel der Spionage trifft er sich mit Vertretern der Kirche im Ausland.
Im Mai 1942 kommt es zum entscheidenden Treffen in Schweden. Bonhoeffer trifft heimlich Bischof George Bell aus England. Er enthüllt ihm die Existenz des deutschen Widerstands. Er nennt Namen: Ludwig Baeck, Carl Friedrich Goerdeler, Hans Oster. Er bittet um ein Zeichen der Alliierten, ein Signal, dass sie bereit wären, mit einem anderen Deutschland zu verhandeln.
Nach Hitler. Die Antwort ist vernichtend. Die britische Regierung lehnt ab. Nur bedingungslose Kapitulation. Keine Unterscheidung zwischen Nazideutschland und einem anderen Deutschland. Bonhoeffer ist am Boden zerstört, aber er macht weiter. Gleichzeitig ist er an einer gefährlichen Rettungsaktion beteiligt.
Im September 1942 gelingt es, 14 Menschen zu retten, die als Juden verfolgt werden. Sie werden als angebliche Agenten in die Schweiz geschleust. Die Aktion wird später „Unternehmen sieben“ genannt. Es ist ein kleiner Sieg, aber genau diese Aktion wird ihm zum Verhängnis. Am 5. April 1943 klingelt es an der Tür des Elternhauses in Berlin.
Gestapo. Sie führen Dietrich ab. Auch sein Schwager wird verhaftet. Der offizielle Vorwurf: Betrug mit Geld. Die wahre Verschwörung bleibt zunächst unentdeckt. Noch 18 Monate verbringt Bonhoeffer im Militärgefängnis in Berlin Tegel. Die ersten Tage sind die Hölle. Einzelhaft, sinkende Decken, Brot auf dem Boden.
Er notiert Gedanken an Selbstmord. Aber dann helfen ihm freundliche Wärter. Sie ermöglichen ihm, Briefe zu schreiben. An seinen engsten Freund Eberhard Bethge. Diese Briefe werden später als Buch veröffentlicht. „Widerstand und Ergebung“. Sie zählen zu den wichtigsten religiösen Texten des 20. Jahrhunderts. In diesen Briefen ringt Bonhoeffer mit der Frage, die ihn nicht loslässt.
Darf ein Christ töten? Er kommt zu einer Antwort, die viele schockiert. Er schreibt: „Wer schuldig werden will um der Verantwortung willen, der rechnet sich selbst und keinem anderen Menschen zu. Was er tut, steht unter Gottes Gnade und Verdammnis zugleich.“ Es ist eine radikale Position. Bonhoeffer sagt ja, Tyrannenmord kann richtig sein.
Aber derjenige, der ihn begeht, wird schuldig. Er kann sich nicht auf Gottes Willen berufen. Er muss die Schuld auf sich nehmen und Gott um Gnade bitten. Es ist die Ethik des geringeren Übels. Die Theologie des schmutzigen Gewissens. Dann kommt der 20. Juli 1944. Das Attentat auf Hitler scheitert. Oberst Stauffenberg hat eine Bombe im Hauptquartier platziert.
Aber Hitler überlebt. Die Rache ist gnadenlos. Tausende werden verhaftet, Hunderte hingerichtet. Im September werden in einem Bunker in Zossen Akten gefunden. Dokumente von Hans Dohnanyi. Sie enthüllen die ganze Verschwörung. Jetzt wissen die Nazis alles. Hitler befiehlt persönlich: „Alle töten.“ Bonhoeffer wird in den Keller des Gestapo-Hauptquartiers verlegt.
Prinz Albert Straße in Berlin. Dann ins Lager Buchenwald. Im April 1945, als das Reich zusammenbricht, beginnt die letzte Odyssee. Ein Bus transportiert ihn und andere Gefangene durch Deutschland. Am 8. April, dem Sonntag nach Ostern, hält Bonhoeffer in einem Schulhaus in Bayern eine letzte Andacht. Der Bibelvers des Tages lautet: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Kaum hat er geendet, stehen zwei Männer an der Tür. „Gefangener Bonhoeffer. Mitkommen.“ Alle im Raum wissen, was das bedeutet. Einem britischen Mitgefangenen gibt er die letzte Botschaft mit. „Für Bischof Bell. Das ist für mich das Ende. Aber auch der Beginn.“ In der Nacht findet im Lager Flossenbürg ein Scheingericht statt.
Keine Verteidigung, keine Zeugen, nur ein Todesurteil. Im Morgengrauen werden die Verurteilten in den Innenhof geführt. Admiral Canaris, General Oster, Dietrich Bonhoeffer. Der Lagerarzt beobachtet, wie Bonhoeffer mutig und ruhig die Treppe zum Galgen steigt. Es ist der 9. April 1945. Zwei Wochen später wird das Lager befreit.
Vier Wochen später ist der Krieg vorbei. Dietrich Bonhoeffer wurde 39 Jahre alt. Er hinterließ keine Kinder. Seine Verlobte Maria sah er nie wieder. Was er hinterließ, sind Worte und eine Frage, die bis heute niemand beantworten kann. Hatte er recht? Darf ein Christ töten, um Tausende zu retten? Bonhoeffer sagte: „Ja.“
Aber er sagte auch, derjenige, der es tut, wird schuldig. Er kann nicht mit reinem Gewissen töten. Er muss die Last der Schuld tragen, um auf Gottes Gnade zu hoffen. Es ist eine Antwort, die unbequem ist, die keine einfachen Lösungen bietet. Aber vielleicht ist das der Punkt. Vielleicht gibt es in extremen Zeiten keine reinen Hände.
Vielleicht fordert Verantwortung, manchmal schuldig zu werden. Bonhoeffer schrieb wenige Wochen vor seinem Tod: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Diese Zeilen werden bis heute gesungen in Kirchen, bei Beerdigungen, bei Hochzeiten. Sie sind zum Trost für Millionen geworden.
Aber Bonhoeffer war kein Heiliger. Er war ein Mann, der eine unmögliche Entscheidung treffen musste und der bereit war, den Preis dafür zu zahlen mit seinem Leben. Am Galgen von Flossenbürg.




