Das rollende Geheimnis des Zweiten Weltkriegs: Die deutsche V-2-Rakete und ihr Weg durch die Wälder.H
Auf den ersten Blick wirkt das Objekt auf dem historischen Foto wie ein seltsam geformter Tank oder ein übergroßer Metallzylinder auf Rädern. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich um weit mehr handelt: Eine deutsche V-2-Rakete, transportiert auf einem speziellen Anhänger, verborgen unter Tarnmaterial, unterwegs auf einer schmalen Straße – vermutlich irgendwo im Deutschen Reich oder in einem besetzten Gebiet während der letzten Kriegsjahre.

Die V-2, offiziell als Aggregat 4 (A4) bezeichnet, gilt als die erste einsatzfähige ballistische Rakete der Welt. Sie markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Militärtechnik – nicht durch ihre militärische Effektivität allein, sondern durch die Technologien, die sie erstmals vereinte: Flüssigtreibstoff, Kreiselsteuerung, autonome Navigation und Überschallflug.
Entwickelt wurde die V-2 ab den frühen 1930er-Jahren unter Leitung von Wernher von Braun im Heeresversuchsanstalt Peenemünde an der Ostsee. Ursprünglich stand die Raketenforschung stark unter wissenschaftlichem Interesse, doch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie zunehmend militärisch instrumentalisiert. Die deutsche Führung sah in der V-2 eine sogenannte „Vergeltungswaffe“, mit der feindliche Städte ohne Vorwarnung getroffen werden sollten.
Mit einer Länge von rund 14 Metern, einem Startgewicht von etwa 12,5 Tonnen und einer Reichweite von bis zu 320 Kilometern war die V-2 ein technisches Meisterwerk ihrer Zeit. Sie erreichte Höhen von über 80 Kilometern und schlug mit Überschallgeschwindigkeit ein – ohne Möglichkeit zur Abwehr durch damalige Luftverteidigungssysteme.
Das Foto zeigt einen entscheidenden, oft übersehenen Teil des V-2-Einsatzes: den Transport. Um alliierten Luftangriffen zu entgehen, wurden die Raketen nicht in festen Abschussbasen gelagert, sondern mit mobilen Einheiten operiert. Spezielle Anhänger, Zugmaschinen und Abschussrampen ermöglichten es, die V-2 relativ flexibel einzusetzen.
Die Raketen wurden meist nachts bewegt, häufig durch Wälder oder abgelegene Landstraßen. Tarnplanen, Netze und das Vermeiden von Bahntransporten sollten die Entdeckung erschweren. Dennoch waren diese Transporte extrem aufwendig: Jede Rakete benötigte zahlreiche Begleitfahrzeuge, Treibstofftanks, Messgeräte und geschultes Personal.
Ab September 1944 wurden V-2-Raketen vor allem gegen London, später auch gegen Antwerpen, Paris und andere Städte eingesetzt. Militärisch blieb ihre Wirkung begrenzt: Die Treffgenauigkeit war gering, und der enorme Ressourcenaufwand stand in keinem Verhältnis zum strategischen Nutzen. Psychologisch jedoch entfalteten die Raketen eine neue Dimension des Krieges – Einschläge ohne Sirenen, ohne sichtbaren Angreifer, ohne Abwehrmöglichkeit.
Für die Zivilbevölkerung bedeutete dies Angst und Unsicherheit. Tausende Menschen verloren durch V-2-Einsätze ihr Leben, viele weitere wurden verletzt oder traumatisiert.
Untrennbar mit der Geschichte der V-2 verbunden ist auch das Leid der Zwangsarbeiter. Ein Großteil der Raketen wurde im Mittelwerk bei Nordhausen produziert – unter unmenschlichen Bedingungen. Zehntausende Häftlinge aus Konzentrationslagern wurden zur Arbeit gezwungen, viele überlebten die Haft nicht. Diese Tatsache wirft einen dunklen Schatten auf jede rein technische Betrachtung der V-2.
Nach 1945 wurde die V-2-Technologie von den Siegermächten intensiv ausgewertet. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion übernahmen Raketen, Bauteile und Ingenieure. Die Grundlagen der modernen Raumfahrt – von Interkontinentalraketen bis zu Raumfähren – lassen sich direkt auf die V-2 zurückführen.
Das macht die Rakete zu einem ambivalenten Symbol: Einerseits ein Meilenstein der Ingenieurskunst, andererseits ein Instrument des Krieges und menschlichen Leids.






